[PORTRAIT] Eloy

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

[PORTRAIT] Eloy

#1

Beitrag: # 49846Beitrag AusDemWegIchBinArzt
15.11.2018, 12:18

Eloy

An dieser Stelle und mithilfe des nun folgenden Beitrages möchte ich Euch mitnehmen auf eine Reise durch die Geschichte einer meiner allerliebsten Bands ĂŒberhaupt: Eloy.

Was diese Band fĂŒr mich emotional bedeutet, lĂ€ĂŸt sich nur schwer in Worte fassen. Es gibt unendlich viele Bands, die ich wirklich mag, liebe, wertschĂ€tze und nicht missen möchte. Aber nur ganz wenige schaffen es, derartige GefĂŒhlsbewegungen und eine so tiefe Verbundenheit bei mir auszulösen wie Eloy. Vergleichbar wĂ€re das beispielsweise noch bei Iron Maiden, Deep Purple, Uriah Heep oder Genesis der Fall. Aber man kann sie letztlich wirklich fast an einer Hand abzĂ€hlen.

Woran das liegt, weiß ich nicht. Warum ist das bei Eloy so, bei Pink Floyd aber nicht, obwohl sich beide Bands stilistisch nicht unĂ€hnlich sind und ich letztere ebenfalls sehr schĂ€tze ? Trotzdem haben mich Pink Floyd nie so tief berĂŒhrt wie Eloy. Aber ich habe bis zum heutigen Tage keine BegrĂŒndung dafĂŒr gefunden.

Wie auch immer, ich habe jedenfalls die Geschichte von Eloy in vier Abschnitte unterteilt: Die Anfangszeit bis 1975, die Erfolgsjahre von 1976-79, die 80er Jahre-Phase bis zur Auflösung 1984 und die Entwicklungen vom unverhofften Comeback 1988 bis in die Gegenwart.

Ich hoffe, Ihr habt einigermaßen Spaß beim Lesen und langweilt Euch nicht... :biggrinn:



ELOY Pt.1: Die frĂŒhen Jahre

Am Anfang der Geschichte steht Frank Bornemann. 1945 in Hannover geboren und als Nachkriegskind aufgewachsen, begann der spĂ€tere Eloy-Mastermind irgendwann in seiner Schulzeit, sich fĂŒr die damals angesagten RockÂŽ nÂŽ Roll-Kapellen zu begeistern: Little Richard, Chuck Berry, die Everly Brothers, Elvis, all solche Sachen. Wenig spĂ€ter folgten dann in der Gunst schon die Beatles oder die Rolling Stones. Da er zu den GlĂŒcklichen gehörte, die bereits einen eigenen Plattenspieler besaßen, konnte er sich an den Singles und LPs jener GrĂ¶ĂŸen erfreuen. Damit hatte es sich dann aber auch weitestgehend, dann an das Spielen eines Instruments war zu dieser Zeit noch nicht zu denken, an eine Karriere als Profimusiker erst recht nicht.

Frank ging brav zur Schule und machte anschließend eine kaufmĂ€nnische Lehre bei einem BĂŒromaschinenhersteller. Irgendwann in dieser Zeit, in den frĂŒhen 60er Jahren, kam es dann zu einem SchlĂŒsselerlebnis. Frank war von einem Freund ĂŒberredet worden, zu dem Liveauftritt einer lokal bekannten Band mitzukommen. Das war das erste Mal, dass Frank eine Band live auf einer BĂŒhne stehen sah, direkt vor sich. Dieser Eindruck faszinierte und ĂŒberwĂ€ltigte ihn dermaßen, dass er beschloß, so schnell wie möglich ein Instrument zu erlernen und selber aktiv Musik zu machen.

Er legte sich eine Akustikgitarre zu, ließ sich etwas Unterricht geben und fing an, RockÂŽ nÂŽ Roll-Songs nachzuspielen, die zudem aufgrund ihrer einfachen Struktur relativ leicht zu erlernen waren. Schon bald kam der Drang nach Höherem und aus der Akustikgitarre wurde eine E-Gitarre samt VerstĂ€rker. Nachdem sich die instrumentalen FĂ€higkeiten StĂŒck fĂŒr StĂŒck verbesserten, kam es schließlich zur GrĂŒndung einer ersten eigenen Band, die dann vorwiegend an den Wochenenden ihre Auftritte absolvierte, was einen erklecklichen Nebenverdienst einbrachte.

Das wiederum kam in der Firma, in der Frank seine Lehre machte, nicht sonderlich gut bei den Kollegen an. Denn welcher Angestellte sieht es schon gerne, wenn der Azubi plötzlich mehr Geld in der Tasche hat, als man selber :biggrinn: ? Auch dass Franks Haare allmĂ€hlich lĂ€nger wurden - damals galt schon ĂŒber die Ohren als verdĂ€chtig - erregte zu jener Zeit noch einiges an Argwohn und wurde mit strikter Ablehnung bedacht.

Anstatt mit der Musik nun voll durchstarten zu können, gab es aber zunĂ€chst mal einen DĂ€mpfer, der alle PlĂ€ne zunichte machte: Nachdem Frank seine Lehre mit guten Ergebnissen endlich abgeschlossen hatte, wurde er nĂ€mlich zur Bundeswehr eingezogen, womit die TrĂ€ume von einer Musikerkarriere erstmal fĂŒr geraume Zeit perdu waren.

Nach Beendigung des Wehrdienstes fing Frank zunĂ€chst ganz seriös an, in einer Bank zu arbeiten, hatte aber den alten Traum natĂŒrlich nicht begraben. Die Bank war keinesfalls der Weg, den er sich fĂŒr sein Leben vorstellte. Frank wollte unbedingt wieder Musik machen und damit auch Erfolg haben - in diesem Ehrgeiz und dieser Zielstrebigkeit unterscheidet er sich nicht von anderen großen Bandlenkern und -denkern, vgl. etwa Steve Harris.

Die Haare und der Bart wuchsen und schließlich kam es zur GrĂŒndung von Eloy, wobei heute nicht mehr ganz sicher ist, ob die Band nun 1969 oder vielleicht doch schon 1968 ins Leben gerufen wurde. Neben Frank, der anfangs ausschließlich als Gitarrist tĂ€tig war, gehörten zur Besetzung der SĂ€nger Erich Schriever, der noch jugendliche, gerade mal um die 16 Jahre alte Bassist Wolfgang Stöcker, der mittlerweile verstorbene Drummer Helmut Draht sowie natĂŒrlich Manfred Wieczorke, der anfangs auch Gitarre spielte und erst viel spĂ€ter hinter die Tasten wechselte.

Das Repertoire der jungen Band, deren Name ĂŒbrigens dem Roman "Die Zeitmaschine" von H.G.Wells entnommen wurde, bestand zunĂ€chst noch aus einer Mischung von Coverversionen und eigenen Songs, wie das hĂ€ufiger ĂŒblich ist. Schließlich nahmen Eloy an einem Bandwettbewerb teil, bei dem sie einen Preis gewannen, welchen sie umgehend in die Herstellung einer ersten Single investierten. Diese, "Daybreak" betitelt, kam in einer Auflage von etwa 1000 StĂŒck unter das Volk. Auf der B-Seite befindet sich das StĂŒck "Walk Alone", zu welchem ein ganz witziger kleiner Film auf einem Schrottplatz in Hannover gedreht wurde, lange bevor Videodrehs fĂŒr Bands in Mode kamen.

Musikalisch hat das noch nicht allzuviel mit dem Sound zu tun, der spĂ€ter fĂŒr die Band typisch werden sollte. Hier handelt es sich vielmehr um fĂŒr die Zeit typischen Hardrock mit einem stark krautigen Flair. Ordentlich und gut gemacht, aber sicherlich nichts weltbewegendes.

Über diese selbst produzierte Single erhielten Eloy schließlich ihren ersten Plattenvertrag mit Phillips, wo dann 1971 das in Hamburg bei Conny Plank aufgenommene, selbstbetitelte DebĂŒtalbum erschien, die sogenannte "MĂŒlltonne". Deshalb so bezeichnet, weil auf dem Artwork der Deckel einer MĂŒlltonne zu sehen ist, den man bei der als Gimmick-Cover ausgefĂŒhrten Erstauflage aufklappen kann. Heute eine gesuchte und teuer zu bezahlende RaritĂ€t. Musikalisch wurde die Linie der Single fortgesetzt, also krautiger Hardrock.

Nachdem das DebĂŒt erschienen war, verließ SĂ€nger Erich Schriever die Band, um eine sicherere bĂŒrgerliche Existenz anzustreben. So standen die Hannoveraner zunĂ€chst vor dem Problem, einen neuen SĂ€nger finden zu mĂŒssen, was nicht klappte. Die Band arbeitete derweil fleißig an neuem Material, welches dann zum zweiten Album "Inside" werden sollte, doch ein neuer SĂ€nger war weit und breit nicht in Sicht. Zwischenzeitlich mußte man auch noch einen neuen Schlagzeuger organisieren, da Helmut Draht einen schweren Autounfall hatte und monatelang außer Gefecht gesetzt war. Da die Band abgesehen von den Planungen fĂŒr ihr zweites Album auch noch Konzerverpflichtungen zu erfĂŒllen hatte, mußte schnellstens Ersatz her.

Der fand sich dann in Gestalt des technisch Ă€ußerst versierten und sehr kraftvoll spielenden Fritz Randow. Dieser erinnerte sich im Interview anlĂ€ĂŸlich der "Legacy Box" von 2010 auch noch sehr lebhaft daran, wie er eines Tages gerade im BĂŒro saß, als plötzlich das Telefon klingelte und sich am anderen Ende ein gewisser Frank Bornemann vorstellte mit den Worten, man hĂ€tte gehört dass Randow ein recht passabler Drummer sei und es gĂ€be da eine Band namens Eloy, die wolle demnĂ€chst ihr zweites Album machen, hĂ€tte aber keinen Mann am Schlagzeug. Ob er mal Lust hĂ€tte, vorbeizukommen. "Wunderbar", sagte Randow daraufhin zu sich selbst, "das guckste dir mal an".

Und so nahm die Geschichte ihren weiteren Lauf. Fritz wurde sofort neuer Drummer bei Eloy und konnte in den nĂ€chsten Jahren sehr prĂ€gnante Akzente setzen. Er konnte sich einen so guten Ruf in der Band erspielen, dass man viele Jahre spĂ€ter, Anfang der 80er, erneut auf ihn zurĂŒckgriff als es darum ging, den Posten hinterm Drumkit besetzen zu mĂŒssen. Aber ich will der Geschichte nicht vorgreifen, an anderer Stelle dazu mehr.

In dieser Zeit wechselte Manfred Wieczorke, der sich schon lÀnger privat auf autodidaktischer Basis mit der Hammondorgel beschÀftigt hatte, von der Gitarre zur Orgel als Hauptinstrument, womit die Musik von Eloy um eine Klangfarbe reicher wurde. Dahinter steckte wohl auch die Erkenntnis, dass seine FÀhigkeiten hinter dem Tasteninstrument insgesamt brauchbarer waren als die auf der Gitarre.

Nun hatte man also einen neuen Drummer, einen zur Orgel gewechselten Gitarristen und eine Menge neuer Songs fĂŒr das zweite Album, aber immer noch keinen neuen SĂ€nger. Der angesetzte Studiotermin rĂŒckte nĂ€her, doch es tat sich nichts. Letztlich aus purer Not heraus wurde entschieden, dass Frank Bornemann die Platte einsingen sollte. Der hatte zwar nun unverhofft die Doppelbelastung Gitarre/Gesang am Hals, aber letztlich gab der Erfolg allen Beteiligten recht, denn Frank wurde als Frontmann deutlich besser akzeptiert als Erich Schriever - was Frank heute noch wundert, da er der Auffassung ist, das Schriever ein sehr guter SĂ€nger war - und das zweite Album "Inside" verkaufte sich auch entschieden besser als das DebĂŒt, etwa 7000-8000 Einheiten ließen sich auf Anhieb absetzen. Das war damals fĂŒr eine so junge, aufstrebende Band absolut respektabel.

Musikalisch lassen sich auf "Inside" deutlich progressivere AnsĂ€tze ausmachen als auf dem Erstling. Die Grundkomponente ist zwar immer noch Hardrock-krautig, aber es sind psychedelische Elemente und der Hang zu Improvisationen hinzugekommen, sowie vor allem das GespĂŒr dafĂŒr, Stimmungen erzeugen zu können. Eine Eigenschaft, die im weiteren Verlauf elementar bedeutsam fĂŒr die Musik von Eloy werden sollte. Das erste StĂŒck "Land Of No Body" dauert auch gleich mal rund 17 Minuten. Dennoch ist die Musik auf "Inside" natĂŒrlich noch lĂ€ngst nicht ausgereift. Es ist eher eine deutliche Weiterentwicklung des bisherigen Stils, wobei sich aber auch nicht verhehlen lĂ€ĂŸt, dass das Album hier und dort einige Langatmigkeiten aufweist.

Gerade "Inside" macht aber auch deutlich, wie sehr eine Band sich in den 70er Jahre ausleben konnte ohne eingeschrĂ€nkt zu werden oder irgendwelchen ZwĂ€ngen gehorchen zu mĂŒssen. Auch die Bereitschaft der Fans, sich mit Alben zu beschĂ€ftigen und zu identifizieren, war um einiges stĂ€rker ausgeprĂ€gt als heute.

FĂŒr die Texte auf "Inside" hatte ĂŒbrigens ex-SĂ€nger Erich Schriever der Band noch einmal unter die Arme gegriffen, der mit der englischen Sprache seinerzeit sehr viel sicherer und versierter umgehen konnte, als Bornemann und die ĂŒbrigen Mitglieder.

Als das Album aufgenommen wurde, hatten Eloy keinen Plattenvertrag. Der mit Phillips, bei denen das DebĂŒt herausgekommen war, hatte keinen Bestand mehr und so wurde "Inside" zunĂ€chst auf eigenes Risiko produziert. Die fertigen BĂ€nder wurden dann bei den verschiedenen Plattenfirmen herumgereicht und schließlich war es die damals noch große EMi bzw. deren progressives Sublabel Harvest, bei denen Eloy dann ihren neuen Vertrag unterzeichnen durften.

Eloy waren auch eifrig dabei, live aufzutreten und ihren guten Ruf auf diese Art und Weise zu festigen. Das bedeutete allerdings weniger, im Tourbus mehrere Wochen am StĂŒck durch die Gegend zu kutschieren, sondern eher, hauptsĂ€chlich und regelmĂ€ĂŸig die Wochenenden fĂŒr Auftritte zu nutzen.

Bei der EMi/Harvest zeigte man sich jedenfalls ganz zufrieden mit den Entwicklungen und so durften Eloy dann auch ins Studio, um die nĂ€chste LP einzuspielen. Da man aber noch nichts vorbereitet hatte, jedoch trotzdem PrĂ€senz zeigen wollte, entschied man sich zunĂ€chst mal fĂŒr eine weitere Single. Diese bot auf der A-Seite das Quasi-InstrumentalstĂŒck "Daybreak" (hat nichts mit dem "Daybreak" der ersten Single zu tun, die Namensgleichheit ist purer Zufall) und auf der B-Seite den Song "On The Road".

Im Anschluß stieg Bassist Wolfgang Stöcker aus der Band aus, dem eine bĂŒrgerliche Existenz ebenfalls sinnvoller erschien als das unsichere Musikerdasein. FĂŒr ihn kam Luitjen "Harvey" Jansen in die Band, der mit seinem dominant-wuchtigen Spiel gleich einen ganz neuen Ansatz mitbrachte und den Sound ein ganzes StĂŒck druckvoller und heavier werden ließ.

Wieder vollzĂ€hlig, mietete man sich schließlich ein Haus in der LĂŒneburger Heide, um gemeinsam unter einem Dach das Material fĂŒr das folgende Album "Floating" auszuarbeiten. Einer der HauptgrĂŒnde dafĂŒr war, dass man ein konzentriertes Arbeiten in der normalen Umgebung der Band als nicht gegeben ansah. Zum einen gab es das Dauerproblem mit ÜbungsrĂ€umen - erstmal mußte man einen geeigneten finden und dann durfte man meistens nur abends nach Feierabend dort Krach machen, weil er im Keller einer Schule oder einer anderen RĂ€umlichkeit vergleichbarer Art war. Zum anderen glĂ€nzten die Bandmitglieder damals nicht unbedingt mit PĂŒnktlichkeit und ZuverlĂ€ssigkeit. Laut Frank Bornemann trafen alle immer kleckerweise ein - wenn eine Probe um 16 Uhr angesetzt war, kam der letzte um 18 Uhr und Ă€hnliches. Diesen ZustĂ€nden hoffte man, bei Unterbringung unter einem gemeinsamen Dach entgehen zu können, was das kontinuierliche Arbeiten erheblich erleichtern sollte.

Textlich mußte Frank Bornemann jetzt zum ersten Mal alleine ran, aber da er sich das Vorhaben immer noch nicht hundertprozentig zutraute, ließ er sich von einem EnglĂ€nder namens Richard Smith helfen, der im Gegenzug auch ein sehr gutes Deutsch sprach und unter dem Pseudonym Gordon Bennit die Texte ausarbeitete bzw. ihnen den richtigen sprachlichen Feinschliff verlieh und zwar so, dass es nicht nur sprachlich korrekt war, sondern sich auch gut singen ließ. Das sollte spĂ€ter, in der Ära JĂŒrgen Rosenthal, ja noch zu einem großen, konfliktreichen Problem werden....aber auch dazu an anderer Stelle mehr.

Inzwischen hatte Manfred Wieczorke sein Instrumentenarsenal auch um den ersten Synthesizer erweitert, wußte aber noch nicht so richtig damit umzugehen. Niemand in der Band kam mit dem großen, mysteriösen Kasten wirklich zurecht. Also verzichtete man zunĂ€chst noch weitgehend auf dessen Einsatz und beschrĂ€nkte sich weiterhin ĂŒberwiegend auf das Zusammenspiel aus Orgel und Gitarre. Musikalisch ist "Floating" im Wesentlichen eine stilistische Fortsetzung von "Inside". Keine wirkliche musikalische Weiterentwicklung, sondern eher eine ErgĂ€nzung und Verfeinerung des auf "Inside" entwickelten Stils. Eher ein Schritt zur Seite statt nach vorne.

"Floating" ist kompositorisch aber auf alle FĂ€lle etwas ausgereifter als "Inside" und, wie schon angedeutet, auch eine Spur heavier. Die Scheibe enthĂ€lt mit dem ViertelstĂŒndigen "The Light From Deep Darkness" sogar eine richtige Glanznummer, die trotz ihrer LĂ€nge keine LĂ€ngen aufweist und spannend sowie vielschichtig aufgebaut ist. Das gemeinschaftliche, kommunenmĂ€ĂŸige Arbeiten in der Heide tat der Band und dem Material auf jeden Fall hörbar gut.

Als es dann daran ging "Floating" aufzunehmen, gab es noch ĂŒberraschenden Streß fĂŒr Frank Bornemann. Kurz vorher hatten die befreundeten Scorpions bei ihm angefragt, ob er ihr anstehendes "Fly To The Rainbow"-Album produzieren könnte. Da man gut miteinander konnte, war dieser Freundschaftsdienst fĂŒr Frank natĂŒrlich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit. Terminlich hĂ€tte es eigentlich auch keine Überschneidungen zwischen den Aufnahmen von "Floating" und "Fly To The Rainbow" gegeben, beide Alben hĂ€tten bequem nacheinander in Form gebracht werden können.

Dann wurde aber Fritz Randow ĂŒberraschend krank und fiel wegen einer Blinddarm-OP aus, weswegen die Aufnahmetermine von "Floating" etwas nach hinten verschoben werden mußten und dadurch komplett mit den angesetzten Recordings des Scorpions-Albums kollidierten.

Das fĂŒhrte dazu, dass Frank bei beiden Aufnahmen gewissermaßen gleichzeitig anwesend sein mußte. Also produzierte er dann tagsĂŒber mit den Scorpions in den legendĂ€ren MĂŒnchener Musicland-Studios "Fly To The Rainbow" und flog abends nach Köln, um in der Nacht mit Eloy in den EMi-Studios "Floating" aufzunehmen. So ging das immer abwechselnd hin und her, eine enorme Belastung, die er aber mit Bravour ĂŒberstand. Noch heute bezeichnet Bornemann "Floating" deshalb scherzhaft als "Nachtschicht-Album".

Obwohl "Floating" abermals ein Erfolg fĂŒr die Band geworden war, zeigte sich Frank Bornemann unzufrieden mit der musikalischen Entwicklung.
Ihm schwebte ein progressiverer, konzertanterer Sound fĂŒr die Band vor und in seinen Gedanken begann bereits das Konzeptalbum Formen anzunehmen, welches schließlich "Power And The Passion" werden sollte.

Bornemann ersann die inhaltlich zusammenhĂ€ngende Story, die dem Konzept seinen Rahmen verleihen sollte: Ein Junge namens Jamie, der mittels einer Zeitdroge zurĂŒck ins Mittelalter reist - typischer, trippiger 70er Jahre-Stoff eben. Verbunden war das ganze natĂŒrlich ebenfalls sehr typisch fĂŒr die Zeit mit einer Kritik an Zivilisation und Gesellschaft sowie den ĂŒber die Jahrhunderte erfolgten Entwicklungen, die der Menschheit oft mehr Schaden als Nutzen zugefĂŒgt haben.

Musikalisch umgesetzt wurde dieses Konzept in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit von einer sehr gut eingespielten Band, in der eine große musikalische und menschliche Harmonie herrschte und in der jeder drauf bedacht war, seinen wertvollen Beitrag zum gesamten Puzzle zu leisten.
Alle Bandmitglieder zogen an einem Strang. Auch Manfred Wieczorke traute sich zunehmend, neben der Orgel etwas öfter auf seinen neuen Synthesizer zurĂŒckzugreifen, wenn auch natĂŒrlich lĂ€ngst noch nicht in dem Ausmaß, wie das spĂ€ter Detlev Schmidtchen oder Hannes Folberth machen sollten.

Eloy wollten mit "Power And The Passion" ihren ganz speziellen Beitrag zur Welt der progressiven Konzeptalben leisten, sowohl in Bezug auf den musikalischen als auch den leicht exotischen thematischen Inhalt.

So fĂ€llt "Power And The Passion" dann auch ein ganzes StĂŒck orchestraler und atmosphĂ€rischer aus, als die VorgĂ€ngeralben. Die Scheibe stellt ein musikalisches Bindeglied zwischen den krautig-hardrockig-psychedelischen KlĂ€ngen der frĂŒheren Alben und den symphonischen Werken der Folgezeit dar. Wenn man so will, verbindet es das beste aus beiden Welten miteinander. Die Konzeptstory wurde in ein passendes Gewand gegossen und musikalisch Ă€ußerst packend umgesetzt, wĂ€hrend bei den Texten abermals Gordon Bennit fĂŒr den letzten Schliff sorgte. "Power And The Passion" ist das erste richtige Highlight im Eloy-Katalog und zwar durchgĂ€ngig, auf ganzer Ebene. Das zeigte sich auch in den steigenden Verkaufszahlen, die bei "Power And The Passion" um die 30.000 Einheiten betrugen.

Eine weitere Neuerung bzw. ErgÀnzung auf "Power And The Passion" bestand in der Hinzunahme von Detlev Schwaar als zweitem Gitarristen, der neue Akzente setzen und Frank Bornemann entlasten sollte. "Power And The Passion" sollte leider auch das einzige Eloy-Album bleiben, an dem Schwaar mitgewirkt hat.

UrsprĂŒnglich hatte Bornemann sogar den Ehrgeiz besessen, "Power And The Passion" als Doppelalbum herauszubringen. Diese Idee scheiterte jedoch weniger an der Plattenfirma, wie man vielleicht meinen könnte, sondern am damaligen neuen Manager der Band.

Dieser, ein Amerikaner namens Jay Partridge, hatte die Band ins Nirwana gelabert, sie in Amerika groß herausbringen zu wollen. Obwohl man sich im Bandlager durchaus skeptisch zeigte bezĂŒglich seiner großspurigen Versprechungen, schenkte man ihm schließlich Vertrauen und arbeitete mit ihm zusammen. Diese Zusammenarbeit war jedoch von Anfang an deutlich getrĂŒbt, denn Partridge tauchte stĂ€ndig ungefragt im Studio oder im Proberaum auf, mischte sich in alles ein, maßte sich Kommentare zu musikalischen oder technischen Fragen an, obwohl er davon ĂŒberhaupt keine Ahnung hatte und spielte sich quasi als sechstes Bandmitglied auf, was fĂŒr erhebliche Irritationen und zunehmenden Ärger sorgte.

Als Manager versagte er sowieso und konnte kaum was auf die Beine stellen, außer sich aufzuspielen und mit dicken GeldbĂŒndeln zu beeindrucken, was auch andernorts mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen wurde.

Partridge trieb einen Keil in die Band, spielte die Mitglieder gegeneinander aus und verlangte die unmöglichsten Dinge von den Musikern. So war er beispielsweise der Meinung, Ruhepausen seien schĂ€dlich fĂŒr die Entwicklung der Band. Da er selber allen möglichen Substanzen nicht abgeneigt war, versuchte er daher die Musiker zu ĂŒberreden, Aufputschmittel einzuwerfen und auf Schlaf zu verzichten, um Tourneen bestreiten zu können. Völlig realitĂ€tsfremd, denn eine Band, die so handelt, ist nach spĂ€testens 2 Wochen nicht mehr auftrittsfĂ€hig.

Obwohl die Band mit "Power And The Passion" ein exzellentes Albm im GepÀck hatte, entwickelte sich die Problematik mit Jay Partridge zunehmend zum Fiasko, welches letztlich das Ende dieser Eloy-Besetzung bedeuten sollte.

Schließlich war es Frank Bornemann, der sich von Partridge abgrenzte und in offene Opposition zu diesem ging, was ihn natĂŒrlich zum Feindbild des Amerikaners machte. Der wiederum hatte sich durch immer wiederkehrende finanzielle Zuwendungen den großen Rest der Band "gekauft", nur bei Bornemann hatte dieses Spiel eben nicht funktioniert. Aber bei den ĂŒbrigen Musikern sorgte der daraus entstandene Zwiespalt natĂŒrlich dafĂŒr, dass kaum jemand sich traute, gegen Partridge offen aufzumucken. Und der forcierte nun auch ganz deutlich den Rausschmiss Bornemanns, beispielsweise gegenĂŒber der Plattenfirma.

Dort geriet Partridge jedoch an den falschen, denn der Mann von der Plattenfirma gab ihm ganz deutlich zu verstehen, dass bei Eloy von ihm aus jeder rausgeworfen werden könne, aber nicht Bornemann.

Durch diese RĂŒckendeckung saß Frank Bornemann nun am lĂ€ngeren Hebel und trennte sich daraufhin von der gesamten Band. Ein Entschluß, der ihm allerdings schwer zu schaffen machte, da er gerade diese Besetzung fĂŒr besonders fĂ€hig und musikalisch stimmig hielt, ihr auch weitere große Schritte zutraute. Aber es half nichts und ein Ende mit Schrecken schien in diesem Fall die einzig sinnvolle und bessere Lösung, als ein Schrecken ohne Ende.

Jay Partridge versuchte tatsĂ€chlich, mit den ĂŒbrigen Bandmitgliedern weiterzumachen - und zwar als musikalischer Mentor und SĂ€nger ! TatsĂ€chlich gab es sogar einen einzigen Liveauftritt von Eloy mit Partridge als Frontmann, der aber verstĂ€ndlicherweise vom Publikum mit schroffer Ablehnung behandelt wurde. Da die Band ohne Bornemanns Einwilligung den Namen Eloy sowieso nicht mehr weiter benutzen hĂ€tte dĂŒrfen, versuchte Partridge fĂŒr viel Geld Bornemann den Namen abzukaufen, was dieser selbstverstĂ€ndlich ablehnte.

Nachdem der besagte eine Gig mit Partridge völlig schiefgelaufen war und Bornemann die Namensrechte einbehielt, sahen die ĂŒbrigen Musiker ein, dass sie ohne Frank Bornemann wohl nicht viel auf die Beine bekommen wĂŒrden. Manfred Wieczorke ging daraufhin zu Jane, wĂ€hrend Luitjen Jansen, Detlev Schwaar und Fritz Randow gemeinsam mit Jay Partridge eine Funk(!)-Band mit BlĂ€sern ins Leben riefen, die aber auch nur wenige Monate durchhielt. Randow stieg anschließend bei Epitaph ein, Jansen einige Zeit spĂ€ter ebenfalls. Von Jay Partridge indes hörte man nie wieder etwas.

Und Frank Bornemann ? Der mĂŒhte sich redlich, in kĂŒrzester Zeit eine neue Eloy-Besetzung zusammenzubekommen, nachdem ihm die Plattenfirma signalisiert hatte, dass sie weiter auf Eloy setzen wĂŒrde wenn es ihm gelĂ€nge, die Band neu zu formieren. Das folgende Album "Dawn" basierte im Prinzip auf der nie fertiggestellten zweiten HĂ€lfte des "Power And The Passion"-Werks, welches wie gesagt ursprĂŒnglich ein Doppelalbum hĂ€tte werden sollen. Aber das alles ist dann im zweiten Teil der Geschichte nachzulesen.... ;)

Bild
(von links nach rechs: Schwaar, Bornemann, Randow, Jansen, Wieczorke)
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#2

Beitrag: # 49852Beitrag Vertigo
15.11.2018, 14:04

Sehr schön Matthias! :good:

Sowas lese ich immer sehr, sehr gerne. Magst noch eine Bildunterschrift machen wer da wer ist? Ich kenn nur Bornemann und Wieczorke sofort.

Und bin schon gespannt auf den zweiten Teil.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#3

Beitrag: # 49856Beitrag AusDemWegIchBinArzt
15.11.2018, 14:55

Vertigo hat geschrieben: ↑
15.11.2018, 14:04
Sehr schön Matthias! :good:

Sowas lese ich immer sehr, sehr gerne. Magst noch eine Bildunterschrift machen wer da wer ist? Ich kenn nur Bornemann und Wieczorke sofort.

Und bin schon gespannt auf den zweiten Teil.
Am zweiten Teil sitze ich gerade...das mit den Bildunterschriften erledige ich sofort. ;)
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#4

Beitrag: # 49862Beitrag AusDemWegIchBinArzt
15.11.2018, 18:12

Eloy Pt.2: Die Erfolgsjahre

Nachdem das Schiff Eloy aufgrund des Ungemachs mit Jay Partridge ein wenig vom Kurs abgekommen und vorĂŒbergehend auf Grund gelaufen war, was in der Trennung zwischen Frank Bornemann und den restlichen Bandmitgliedern gemĂŒndet hatte, sah sich dieser dementsprechend Ende 1975, Anfang 1976 mit Personalfragen konfrontiert. Die alte Band war de facto Geschichte, Bornemann stand quasi vor dem Nichts. Eloy mußten von Grund auf neu formiert und aufgebaut werden.

Da die EMi Bornemann bereits im Vorfeld zugesichert hatte, weiterhin auf Eloy zu setzen und ein weiteres Album zu ermöglichen wenn er es schaffen wĂŒrde, eine neue Besetzung zusammenzustellen, war der Gute natĂŒrlich hochmotiviert und entwickelte eine gesunde "Jetzt erst recht !"-Einstellung, um allen, Fans wie auch Kritikern, zu beweisen, dass er in der Lage war das Schiff wieder flottzumachen und musikalisch stĂ€rker als je zuvor zurĂŒckzukehren.

Hier wird auch deutlich, dass Bornemann lĂ€ngst zur eigentlichen FĂŒhrungsfigur der Band geworden war, zum Chef, dem allerdings auch einiges zugetraut wurde und der mit Entschlossenheit und unglaublicher Power weiter an seinem Bandtraum arbeitete, bereit, sich allen möglichen und unmöglichen Widrigkeiten entgegenzustemmen. Hierbei sei zur Verdeutlichung nochmal nebenbei angemerkt, dass zwischen dem Ende nach "Power And The Passion" und dem fulminanten Neubeginn mit "Dawn" gerade mal ein gutes Jahr lag - man kann sich also ausmalen, welche Energien und KrĂ€fte da geflossen sind, um in so kurzer Zeit dermaßen furios, mit einer hervorragenden neuen Besetzung und einem exzellenten Album zurĂŒckkehren zu können.

Da der Eloy-Mainman zunĂ€chst mal vor einem riesigen Schuldenberg stand und außer dem Einkommen seiner Frau quasi kein Geld vorhanden war, bemĂŒhte er sich als erstes um einen Job, wobei klar war, dass es nach Möglichkeit nicht wieder zurĂŒck in die Bank gehen sollte.

Schließlich fand Bornemann Arbeit in einem MusikgeschĂ€ft, wo ihm eines Tages Detlev Schmidtchen ĂŒber den Weg lief. Der war selber Musiker und spielte zu dieser Zeit in einer anderen Hannoveraner Formation namens Getriebe, die 1975 beim "Pop ÂŽ75"-Festival in der Hannoveraner Niedersachsenhalle einen Amateurwettbewerb gewonnen hatte.

Man kannte sich bereits locker von eben dieser Veranstaltung, bei der Eloy Headliner gewesen waren. Getriebe hatten seinerzeit als Gewinn Aufnahmezeit in einem Tonstudio spendiert bekommen und daraufhin eine in geringer Auflage verbreitete Single ("Syncron", 1975) aufgenommen, die sich grob als krautiger und verspielter, tendenziell progressiv orientierter Hardrock beschreiben lĂ€ĂŸt.

Detlev Schmidtchen war bei Getriebe jedoch als Gitarrist tÀtig und hatte mit Synthesizern nicht viel zu tun. In dieser Hinsicht gleicht sein Werdegang also jenem seines VorgÀngers bei Eloy, Manfred Wieczorke, der ebenfalls als Gitarrist angefangen hatte und erst spÀter hinter die Tasten gerutscht war.

Bornemann und Schmidtchen beschlossen daraufhin, es einfach mal miteinander zu versuchen und stellten schnell fest, dass ihre musikalischen Vorstellungen ausgesprochen gut miteinander harmonierten. Menschlich hingegen, so gab Bornemann spĂ€ter in einem Interview mit dem Fanzine "Magic Mirror" zu Protokoll, habe es durchaus erhebliche Unterschiede gegeben, da Detlev zwar ein sehr kreativer, aber auch stark von Selbstzweifeln geplagter Mensch gewesen sei, was den Umgang mit ihm hĂ€ufig verkompliziert und unnötig anstrengend gestaltet habe. Aufgrund der musikalischen Übereinstimmung habe er darĂŒber aber hinwegsehen können, so Bornemann.

So wurde der Entschluß gefasst, Eloy gemeinsam wieder aufzubauen. In den folgenden Wochen und Monaten wurde intensiv nach weiteren Musikern gesucht und der nĂ€chste brauchbare, der auf der Matte stand, war Klaus-Peter Matziol. Auch hier bahnte sich der Kontakt ĂŒber das MusikgeschĂ€ft an, in dem Bornemann tagsĂŒber arbeitete und wo Matziol, der eigentlich auf Lehramt studiert hatte, regelmĂ€ĂŸiger Kunde war. Es stellte sich heraus, dass Klaus-Peter Bassist war und zu dieser Zeit in einer Formation namens Boorturm den Tieftöner bediente.

Als letztes, ungefĂ€hr im April 1976, wurde der Schlagzeuger JĂŒrgen Rosenthal akquiriert. Den kannte Frank Bornemann schon von den Scorpions her, schließlich hatte Rosenthal zu "Fly To The Rainbow"-Zeiten zur Band gehört, welches bekanntlich von Bornemann produziert worden war.

Und auch fĂŒr Klaus-Peter Matziol war Rosenthal absolut kein Unbekannter, sondern viel mehr ein alter Freund. Die beiden hatten bereits Ende der 60er gemeinsam die Band Morrison Gulf betrieben, bevor Rosenthal Anfang der 70er zu Dawn Road, der Band von Uli Jon Roth gewechselt war, die dann wiederum von den zu jener Zeit nur noch aus Klaus Meine und Rudolf Schenker bestehenden Scorpions absorbiert wurde.

Nachdem JĂŒrgen Rosenthal im Anschluß an "Fly To The Rainbow" zum Wehrdienst in die Kaserne einrĂŒcken mußte, war erst mal Feierabend mit dem Schlagzeug spielen. Sein Plan nach Beendigung der leidigen Bundeswehrzeit sah vor, wieder Anschluß an die Scorpions zu finden und sich wieder fit zu trommeln fĂŒr einen erneuten Einstieg bei Schenker & Co. Und genau in diesem Moment standen plötzlich Frank Bornemann und Klaus-Peter Matziol vor seiner TĂŒr, mit dem Angebot, bei Eloy mitzumachen.

Schnell wurde Rosenthal klar, dass die auf AtmosphĂ€re bedachte Musik von Eloy mit Synthesizer, Orgel und dem ganzen Pipapo seinen persönlichen Interessen und Ausdrucksneigungen viel eher entgegenkam, als das, was bei den Scorpions mittlerweile musikalisch abging. Im Interview zur "Legacy Box"-DVD bekrĂ€ftigt er noch mal ganz klar, wie angetan und begeistert er dagegen auf Anhieb von dem war, was er bei Eloy vorfand. Und der Reiz, eine Band ganz neu mit aufzubauen und von Grund auf mit eigenen kreativen Impulsen zu fĂŒttern, war sicherlich auch nicht ohne.

Ein weiterer ausschlaggebender Punkt fĂŒr die Entscheidung pro Rosenthal war, dass sich dieser als sehr belesen herausstellte und gleich anbot, sich um das Verfassen der kĂŒnftigen lyrischen Inhalte zu kĂŒmmern, was Bornemann sehr begrĂŒĂŸte, da es fĂŒr ihn in diesem Punkt eine enorme Erleichterung bedeutete. Somit hatte Rosenthal sozusagen von Beginn an freie Hand fĂŒr sein Wirken als Schlagzeuger und Texter innerhalb der Band.

ZunĂ€chst lief diese Kooperation auch sehr harmonisch und störungsfrei ab. Rosenthal kĂŒmmerte sich um die Gestaltung der Texte und lieferte ein völlig anderes Schlagzeugspiel als sein VorgĂ€nger Fritz Randow. Technisch prĂ€zise waren beide, aber letztgenannter spielte hĂ€rter und mit mehr Wucht, wĂ€hrend Rosenthal dafĂŒr ausgesprochen kreativ und ideenreich zu Werke ging, mit einer Vielzahl markanter EinfĂ€lle.

So gehörte zu seinem Equipment ein ganzes Arsenal an Klingelchen und Glöckchen, was von der Band anfangs etwas belÀchelt wurde, sich aber spÀter als ausgesprochen sinnvoll herausstellte, weil es der Musik ein vielfaches Mehr an Klangfarbe und Gestaltungsmöglichkeit offerierte.

Ein weiterer entscheidender Faktor fĂŒr den folgenden Weg der Band lag in der Tatsache begrĂŒndet, keinen geeigneten Keyboarder zu finden. Die Band testete mehrere Leute, aber niemand schien zu passen, obwohl alle mehr oder weniger hervorragend spielten.

Das Problem lag laut Frank Bornemann darin, dass all diese Leute ausgebildete, hochgradig virtuose Pianisten waren, die eben auch dementsprechend spielten und sich halt mal in einer Rockband versuchen wollten.

Aber keiner von denen verstand, um was es Bornemann mit der Musik von Eloy ging. Alle konnten zwar hundert Noten in zehn Sekunden spielen, aber keiner war in der Lage, ausgedehnte KlangflÀchen aus vergleichsweise wenigen Tönen zu erschaffen, auf Melodien zu achten und Stimmungen zu erzeugen.

Eloy benötigten jemanden mit einem sicheren GefĂŒhl fĂŒr AtmosphĂ€ren und Klangbilder und weniger jemanden, der nur aufgrund seines handwerklichen Backgrounds die Tasten bediente.

Bei einer weiteren Bandprobe ließ Detlev Schmidtchen, der bis dato nur als Gitarrist dabei war, mehr aus Verzweiflung durchblicken, dass er auch ein wenig Keyboard spielen könne und setzte sich einfach mal ans GerĂ€t, um ein bißchen damit herumzuprobieren. Das wiederum fiel bei Bornemann auf fruchtbaren Boden und er bat kurzerhand darum, dass Schmidtchen sich zukĂŒnftig hauptsĂ€chlich auf die Tasteninstrumente konzentrieren und allenfalls nur noch gelegentlich zur Gitarre greifen möge. Das war nĂ€mlich genau das, was Eloy gefehlt hatte: Ein Keyboarder, der zwar handwerklich nicht so versiert wie ein ausgebildeter Pianist war, dafĂŒr aber ein umso untrĂŒglicheres GespĂŒr fĂŒr AtmosphĂ€re und melodischen Aufbau besaß.

Nach einem halben Jahr intensiven Probens war die Band so gut aufeinander eingestellt, dass man sich an die Aufnahmen des nÀchsten Albums "Dawn" machen konnte, welches ein echter Paukenschlag werden sollte.

Da Schmidtchen allerdings noch nicht hundertprozentig souverĂ€n im Umgang mit den ganzen Synthesizern war, nahm man ihm einen Teil der Arbeit ab, indem man bei den Aufnahmen zu "Dawn" in Georgi Nedeltschevs "Studio N" einige Passagen von Streichern einspielen ließ, deren Parts zuvor von dem im Umgang mit klassischen Orchestern geschulten Wolfgang Maus arrangiert worden waren. Die Band wĂ€re damit sicherlich zu diesem Zeitpunkt ĂŒberfordert gewesen.

Als Ergebnis steht das klanglich sicherlich opulenteste Eloy-Album ĂŒberhaupt. Manche finden es ĂŒberfrachtet oder Zuviel des Zuckergusses, aber das kann man so nicht stehen lassen. Dieses Album ist ein Masterpiece, eine absolute Sternstunde, und klingt exakt so, wie es einfach klingen muß. Da ist keine Note und kein Ton zuviel, die AtmosphĂ€re ist durchgehend von einer beeindruckenden Dichte und es handelt sich ohne Frage um eines der stimmungsvollsten Epen, die Eloy jemals in ihrer Karriere erschaffen haben.

Schon die ergreifende, von Donnergegrummel, RegengeplĂ€tscher, Streichern und dramatischer AtmosphĂ€re geprĂ€gte Einleitung "The Awakening" ist von einer solchen Erhabenheit, dass einem die TrĂ€nen in die Augen schießen und der Atem stockt. Immer und immer wieder. Eine der bewegendsten Albumeröffnungen in der Geschichte der Rockmusik. Hier wird der Albumtitel "Dawn", was ja soviel wie MorgendĂ€mmerung und Aufbruch bedeutet, musikalisch aufs vortrefflichste visualisiert. Und es war ja in der Tat ein Aufbruch fĂŒr die Band, ein neuer Anfang.

Die Gestaltung des Albumcovers zeigt natĂŒrlich Parallelen zu "Power And The Passion", was auch durchaus gewollt so war, hat es man hier doch gewissermaßen mit der zuvor nicht realisierten zweiten HĂ€lfte des eigentlich als Doppelalbum geplanten VorgĂ€ngers zu tun.

Musikalisch erkennt man die Verwandtschaft zu "Power And The Passion" natĂŒrlich stellenweise noch (das aus "The Awakening" hervorgehende "Between The Times" hĂ€tte beispielsweise ohne negativ aufzufallen auch auf dem VorgĂ€nger stehen können), aber auf "Dawn" wurde alles um ein vielfaches orchestraler und symphonischer gestaltet, viel weiter ins Detail ausgearbeitet. Die einzelnen Songs gehen zum Teil ineinander ĂŒber, was den Konzeptcharakter natĂŒrlich wirkungsvoll unterstreicht und dem Ganzen eher das Bild einer zusammenhĂ€ngenden Suite verleiht.

Dicker wurde bei Eloy nie wieder aufgetragen, aber es paßt alles wie gesagt bis aufs allerletzte i-tĂŒpfelchen zusammen und hat einen der großen Eloy-Momente fĂŒr die Ewigkeit geschaffen. Ein absolut hinreißendes Album - Neustart geglĂŒckt !

Das sahen auch die Fans so, denn "Dawn" verkaufte sich wie geschnitten Brot. Allerdings mehrten sich erstmals auch hörbar die Stimmen der Kritiker, die Eloy als aufgeblasenes, prĂ€tentiöses Nichts schmĂ€hten und sich auf schĂ€bigste, völlig unsachliche Art und Weise ĂŒber die Band lustig machten. Aber noch hatte es nicht die unsĂ€glichen Formen angenommen, die dann ab "Ocean" ĂŒber die Niedersachsen hereinbrechen sollten.

Die Scheibe verkaufte zwischen 50.000 und 100.000 Exemplare in Deutschland. Die Band war gefragt, mit Bernd Gukelberger gab es auch einen neuen Manager, der sich sehr einsetzte und mit dem es endlich stimmte - das menschliche wie auch das fachliche. Kurzum: Es hÀtte kaum besser laufen können.

Und so machte man sich frohgemut an die Arbeiten zum nÀchsten Werk, mit dem man noch einen draufzusetzen gedachte. Die Band war bestens eingespielt und Detlev Schmidtchen hatte sich inzwischen am Synthesizer so entwickelt und emanzipiert, dass er auf dem nÀchsten Album seine QualitÀten verstÀrkt einbringen und zeigen wollte, was er drauf hat. Der erneute Einsatz einer Orchesters war somit also auch kein Thema mehr.
Jeder in der Band hatte den Ansporn, sein bestmöglichstes zum Gelingen des Albums beizutragen. Ein gute Voraussetzung fĂŒr kreative HöhenflĂŒge.

Und natĂŒrlich war JĂŒrgen Rosenthal erneut mit dem Verfassen eines lyrischen Konzepts betraut worden. Der Albumtitel "Ocean" stand bereits zu einem relativ frĂŒhzeitigen Zeitpunkt fest und beruhte entweder auf einem Traum Rosenthals, in welchem der Ozean in sein Zimmer schwappte oder auf der grundlegenden Erkenntnis, dass alles Leben aus dem Meer kommt. So genau ließ sich das spĂ€ter nicht mehr zurĂŒckverfolgen, aber eines von beidem wird es gewesen sein.

Rosenthal entwickelte eine sehr dĂŒstere Konzeptstory, in deren Mittelpunkt der Untergang des sagenumwobenen Atlantis stand, was natĂŒrlich wunderbar zum bereits festgelegten Albumtitel paßte. Die Story von Rosenthal hangelte sich dabei an den Erkenntnissen Platons entlang und war einmal mehr gleichzeitig mit einer grundlegenden Kritik gegenĂŒber der menschlichen Zivilisation und Zerstörung der Umwelt verbunden, deren Folgen in dĂŒsteren Zukunftsszenarien ausgemalt wurde. Anspruchsvoller, aber sicherlich auch nicht gerade leichtverdaulicher Stoff. Das befand auch Bornemann so, dem die Zukunftsvisionen viel zu apokalyptisch erschienen und der eigentlich lieber eine positivere Grundaussage gehabt hĂ€tte, aber der Drummer ließ Kritik nicht zu und Bornemann gab sich vorerst zufrieden damit.

Rosenthal hatte sich monatelang völlig zurĂŒckgezogen um an den Lyrics zu arbeiten, niemand wußte genau, was er denn dort im stillen KĂ€mmerlein eigentlich ausbrĂŒtete. WĂ€hrend die anderen an der Musik feilten, schlug sich Rosenthal reihenweise die NĂ€chte um die Ohren mit seinen Texten, sagte aber niemandem etwas nĂ€heres darĂŒber. Zu Beginn seiner Arbeit war er zunĂ€chst sogar extra nach London gereist, um dort an einigen spiritistischen Sitzungen teilzunehmen, die er als unerlĂ€ĂŸlich fĂŒr die Ausarbeitung seines inhaltlichen Konzept erachtete. Bereits das war Bornemann viel zu esoterisch und er vermutete sogar einen Hang zum Okkulten bei seinem Trommler, was ihm gar nicht gefiel, sagte aber erst mal nichts weiter dazu und ließ ihn machen.

AllmĂ€hlich begann die Zeit zu drĂŒcken, denn die Musik war fertig, es sollte an die Aufnahmen gehen und die Texte lagen immer noch nicht vor. BuchstĂ€blich in letzter Sekunde tauchte Rosenthal mit den gerade fertig gewordenen Texten bei Georgi Nedeltschev im Studio auf - die Tinte war quasi noch nicht getrocknet - und Bornemann mußte sie sofort einsingen, was ihn vor erhebliche Schwierigkeiten stellte.

Erstens bekam er die Texte ĂŒberhaupt zum ersten Mal zu Gesicht, er wußte ja bis dato gar nicht, was ihn ĂŒberhaupt erwartete und dementsprechend empfand er es als sehr problematisch, diese Inhalte dann auch glaubwĂŒrdig in seinem Gesang zu transportieren und dahinter stehen zu können. Und zweitens hatte Rosenthal einen sehr literarischen Ansatz gewĂ€hlt und folglich ĂŒberhaupt nicht auf die Singbarkeit seiner endlosen Satzkonstruktionen geachtet. Phonetik und Rhythmik waren völlig außer Acht gelassen worden, so dass sich Bornemann mehr als einmal fragte, wie er die ganzen Worte ĂŒberhaupt in der Musik unterbringen und dabei noch Platz fĂŒr die Melodie finden sollte.

Am Ende klappte es dann aber doch irgendwie und schließlich stand "Ocean" fertig in den PlattenlĂ€den. Ein abermals meisterhaftes Konzeptwerk, bestehend aus nur vier, dafĂŒr allerdings ĂŒberlangen Songs (zwei pro Seite). Die Verkaufszahlen erreichten sensationelle Höhen, bis heute ist "Ocean" das meistverkaufte und beliebteste Eloy-Album ĂŒberhaupt. Die Zahlen jonglieren irgendwo um 200.000 Exemplare herum, die ĂŒber die Ladentheken gingen. Die Konzerte waren ebenfalls ausverkauft.

Und genau zu diesem Zeitpunkt setzte die vernichtende HĂ€me der in Lauerstellung liegenden Musikjournaille ein. KĂŒbelweise HĂ€ĂŸlichkeiten wurden ĂŒber der Band ausgekippt. Man zog sich an allem hoch, was vermeintlich AngriffsflĂ€che bot: An der Musik ("Pink Floyd fĂŒr Arme" etc.), an Bornemanns muttersprachlich gefĂ€rbtem (D)Englisch und seinem angeblich schlechten Gesang, an Rosenthals scheinbar verquasten Lyrics ("Rosenthal textet im Courths-Mahler-Stil" bla bla...) - nichts wurde ausgelassen, um die Band unter der GĂŒrtellinie fertigzumachen. Selbst der ehrwĂŒrdige Peter RĂŒchel lehnte die Band fĂŒr seine Sendung "Rockpalast" mit den Worten "Solange der Rosenthal solche bescheuerten Texte schreibt, kommt mir die Band nicht in die Sendung !" ab.

ZunĂ€chst versuchten Eloy zwar, das alles an sich abprallen zu lassen, aber natĂŒrlich Ă€rgerte der ungerechtfertigte Dauerbeschuss die Band doch immer mehr und setzte ihr im Laufe der Zeit zu.

Vor allem die Diskrepanz zwischen kommerziellem Erfolg bei den Fans auf der einen Seite und einer breiten ablehnenden Front aus einheimischen Musikjournalisten auf der anderen Seite machte den Musikern schwer zu schaffen. Dabei spielte es kaum eine Rolle, dass man sich damit trösten konnte, dass die Journalisten, die das Sprachrohr waren, grĂ¶ĂŸtenteils aus frustrierten und gescheiterten ex-Musikern bestanden, die einer (noch dazu deutschen) Band ihren Erfolg nicht gönnten und deswegen blindlings draufhauten. Es war einfach gemein und unfair, vor allem auch total an den Haaren herbeigezogen.

Eloy waren seinerzeit ĂŒbrigens eine der erfolgreichsten Rockbands in Deutschland ĂŒberhaupt. Noch erfolgreicher als die Scorpions wohlgemerkt, denn die schafften ihren Durchbruch erst mit "Lovedrive" zwei Jahre spĂ€ter.

Um die Zeit zum nĂ€chsten Studioalbum zu ĂŒberbrĂŒcken und zudem den Kritikern ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, entschied man sich, auf der "Ocean"-Tour ein Livealbum mitzuschneiden. Der ursprĂŒngliche Gedanke, fĂŒr eine Show ein mobiles Tonstudio anrollen zu lassen, was sicherlich die beste Lösung gewesen wĂ€re, wurde schnell wieder fallengelassen. Die EMi machte KostengrĂŒnde geltend, was der Band durchaus plausibel erschien. Stattdessen schlug man vor, der Band eine 24-Spur-Maschine aus den EMi-Studios mitzugeben, die bei jedem Auftritt mitlaufen und so auf gĂŒnstige Weise große Mengen an Material mitschneiden sollte, die man dann hĂ€tte verwenden können.

Leider gab es von Beginn an technische Probleme und der Tonassistent, der mit den Aufnahmen beauftragt worden war, verfĂŒgte ĂŒber keinerlei Erfahrung mit Livekonzerten und erwies sich als völlig unfĂ€hig. Der Höhepunkt des Übels bestand jedoch in StörgerĂ€uschen, die von den mĂ€chtigen Scheinwerfern ĂŒber der BĂŒhne ausgelöst wurden, weil sie bei jeder Schwenkbewegung unertrĂ€gliche BrummgerĂ€usche und andere Störfrequenzen in die Audioleitungen schickten. Damit waren ungefĂ€hr 80% aller mitgeschnittenen Liveaufnahmen am Ende unbrauchbar und die Band konnte aus den wenigen verwendbaren Fetzen mĂŒhsam das Album zusammenstĂŒckeln.

ZunĂ€chst ĂŒberlegte man, ganz von der Veröffentlichung eines Livealbums abzusehen, aber das wĂ€re Wasser auf die MĂŒhlen der hechelnden Kritikermeute gewesen, ganz nach dem Motto: "Sehr her, Eloy sind sogar zu blöd um ein Livealbum aufzunehmen !". Auch ein Extrakonzert zu geben, um die Aufnahmen in vernĂŒnftiger QualitĂ€t nachzuholen, schien eine Option. Davon mußte man aber Abstand nehmen, weil die Tourcrew bereits mit anderen Bands unterwegs und ĂŒber die halbe Welt verstreut war und sich das gesamte BĂŒhnenequipment ebenfalls lĂ€ngst auf anderen BĂŒhnen im Einsatz befand. Das wĂ€re alleine zeitlich und logistisch nicht mehr in einem angemessenen Rahmen koordinierbar gewesen. Die komplette Produktion hĂ€tte von Grund auf neu konzipiert werden mĂŒssen, ein Ding der Unmöglichkeit.

Außerdem war das Album bereits in der ZDF-Sendung "Rockpop" angekĂŒndigt worden, also mußte man jetzt handeln und irgendwie zusehen, den Schaden halbwegs in Grenzen zu halten und das beste draus zu machen. Und so wurde dann eben notgedrungen aus den wenigen brauchbaren Mitschnitten das "Eloy Live"-Album zusammengestellt, dem man allerdings durchaus - trotz aller Widrigkeiten bei der Entstehung und trotz der Tatsache, dass es nur zusammengeschnitten ist - ein magisches Feeling nachsagen kann. Auch wenn Frank Bornemann das bis heute anders sieht.

Um die Stimmung, die in der Band ein bißchen angeschlagen und gereizt war, wieder aufzuheitern, beschloß man, sich mit dem nĂ€chsten Studioalbum "Silent Cries And Mighty Echoes" zu beschĂ€ftigen. Vor allem die Probleme zwischen Rosenthal und Bornemann hatten zwischenzeitlich jedoch merklich zugenommen und das hatte diverse GrĂŒnde.

Spannungen hat es bei Eloy bekanntermaßen immer wieder mal gegeben. In diesem Fall hatte sich das ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume so aufgestaut, dass die Band schließlich in zwei Fraktionen (Bornemann / Matziol auf der einen Seite und Rosenthal / Schmidtchen auf der anderen) zerfiel.

Da es sich nun auch um sehr starke, individuelle und kreativ getriebene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Temperamenten handelt, ist eine gewisse Reibung ja sowieso normal.

Hier war es nun aber konkret so, dass Rosenthal inzwischen nicht mehr mit Bornemann konnte, weil der immer öfter was an den inhaltlichen Szenarien von Rosenthals Texten auszusetzen hatte, der auch fĂŒr das neue Album wieder die textliche Arbeit ĂŒbernommen hatte.

Rosenthals Visionen waren Bornemann einfach zu apokalyptisch und dĂŒster. Er wollte eher eine optimistische Message und positive Vibrations rĂŒberbringen und stand daher nicht hundertprozentig hinter dem, was ihm Rosenthal da vorsetzte. Am Anfang ging das wie an frĂŒherer Stelle erwĂ€hnt noch. Zu "Dawn"-"/"Ocean"-Zeiten war Bornemann ja auch zunĂ€chst froh und dankbar, einen fĂ€higen Texter mit Anspruch in der Band zu haben, der ihn beim Schreiben der Texte entlastete.

Aber mit der Zeit gingen ihm Rosenthals AnsĂ€tze zunehmend auf die Nerven, zumal dieser wie gesagt Ă€ußerst literarisch vorging und in seinen nicht enden wollenden WortschwĂ€llen ĂŒberhaupt keine RĂŒcksicht drauf nahm, ob sich das dann auch phonetisch und rhythmisch zur Musik und den Melodien passend umsetzen ließ, was Bornemann beim Einsingen vor erhebliche Probleme stellte.

Rosenthal wiederum wollte sich aber in seiner kreativen Freiheit keinesfalls einschrĂ€nken lassen und lehnte es rigoros ab, Bornemann bezĂŒglich besserer Singbarkeit und weniger dystopischer Inhalte der Texte entgegenzukommen. Er empfand die Kritik als unangebrachte Einmischung. Daraus entbrannte dann irgendwann ein richtiger FĂŒhrungsstreit ĂŒber die Ausrichtung der Band zwischen den beiden, bei dem Rosenthal den kĂŒrzeren zog, wie wir alle wissen.

Bei Schmidtchen hingegen sah es so aus, dass er sich, nachdem er seine FĂ€higkeiten an den Synthesizern autodidaktisch im Laufe der Jahre deutlich ausgebaut hatte, immer stĂ€rker kreativ ausleben und nicht von Bornemann in seiner Ausdrucksweise kĂŒnstlerisch beschneiden lassen wollte.

Als dritter Punkt kam dann die Sache mit dem bandeigenen Studio (dem Horus Sound) hinzu, die Bornemann angeschoben hatte und die ihn gerade in der anfĂ€nglichen Planungsphase auch zeitlich sehr in Beschlag nahm. Demzufolge hatte er dann oft weniger Zeit fĂŒr die Band, was teilweise nicht gut ankam, weil die Band bisweilen ohne ihn an neuem Material arbeiten mußte oder er nur mal kurz fĂŒr ein, zwei Stunden reinschneite, sich die neuen Ideen anhörte, kurz was dazu sagte und wieder verschwand.

Eigentlich sollten alle Bandmitglieder Anteilseigner dieses Studios sein, quasi jeder ein Direktor mit eigener Kapitaleinlage und eigenem Schreibtisch. Die Idee dahinter war in erster Linie eine Absicherung fĂŒr die Zukunft (man konnte schließlich andere Bands dort produzieren und damit Geld verdienen, was eine existenzsichernde Maßnahme außerhalb von Eloy bedeutete) sowie UnabhĂ€ngigkeit vom Label und die Möglichkeit, jederzeit nach eigenem Gusto und ohne Kosten- oder Zeitdruck an Eloy-Musik dort arbeiten zu können.

Außerdem hĂ€tten alle Bandmitglieder FreirĂ€ume fĂŒr eigene Projekte dort gehabt - denn so hĂ€tte jeder Ideen, die nicht zu Eloy passen, beispielsweise in einem Soloalbum ausleben und dieses eben im eigenen Studio aufnehmen können, ganz ohne Streß. Was wiederum der Band, so der Gedanke, zugutekommen wĂŒrde, weil dann jeder zufrieden wĂ€re und sich keiner in seiner KreativitĂ€t behindert fĂŒhlen wĂŒrde.

Anfangs waren auch alle sehr angetan von der Idee, aber irgendwann schmissen Rosenthal und Schmidtchen die Brocken hin mit der BegrĂŒndung, keine GeschĂ€ftsmĂ€nner werden zu wollen. Womit Bornemann und Matziol dann plötzlich alleine auf den Kosten saßen, was natĂŒrlich erhebliche Schwierigkeiten verursachte. Zumindest Rosenthal hat seine Entscheidung, Eloy und alles drumherum damals so vorschnell ĂŒber den Haufen geworfen zu haben, spĂ€ter ziemlich bereut.

Die Entstehung von "Silent Cries..." stand also von Anfang unter keinem guten Stern und im Prinzip war das Ende dieser Besetzung bereits abzusehen. Um wieder Entspannung und etwas Ruhe in die Sache reinzukriegen, mietete man sich an der NormandiekĂŒste in Frankreich ein Haus, um gemeinsam dort zu wohnen und das Album vorzubereiten, Ideen auszuarbeiten usw. Also Ă€hnlich, wie man es bereits bei "Floating" mit der alten Besetzung erfolgreich gemacht hatte. Nur funktionierte es diesmal nicht.

Die ersten Tage schien es noch ganz gut zu gehen. Man hatte die Instrumente im zentralen Wohnraum vor dem Kamin aufgebaut und ließ der KreativitĂ€t freien Lauf, so dass bereits einige gute Ideen und EinfĂ€lle zusammenkamen. Rosenthal zog sich allerdings erneut ziemlich schnell zurĂŒck um alleine an seinen Texten zu arbeiten, wanderte oft stundenlang die SteilkĂŒste entlang, wĂ€hrend die anderen Bandmitglieder im Haus an ihren Ideen schraubten oder einfach Skat spielten.

Es gab erneute Diskussionen und hitzige Streitereien, gerade auch bezĂŒglich der inhaltlichen Auslegung des kĂŒnftigen Albums, die sich rasch aufbauschten. Am Ende knallte es dann dermaßen zwischen Rosenthal und Bornemann, dass letzterer sich mitten in der Nacht mit Matziol ins Auto setzte und von ihm nach Paris zum Flughafen bringen ließ, um von dort alleine zurĂŒck nach Hannover zu fliegen. Die anderen Drei kamen dann spĂ€ter mit dem Auto nachgereist.

Irgendwie raufte man sich aber ein paar Wochen spĂ€ter doch zusammen und schaffte es, das Album fertig auszuarbeiten und aufzunehmen (erneut bei Georgi Nedeltschev, dessen musikalisches VerstĂ€ndnis und magische HĂ€nde in Punkto Klangbearbeitung ihn bereits zu einer fast unverzichtbaren Person im engeren Umfeld der Band gemacht hatten). Aber der Wurm war einfach drin. Was man erstaunlicherweise der Scheibe ĂŒberhaupt nicht anhört, muß man voller Anerkennung dazu anmerken. Irgendwie hatte es jeder geschafft, ein letztes Mal alles zu geben um ein gutes Resultat zu erzielen.

"Silent Cries..." ist abermals ein grandioses Album geworden, vom Gitarrenspiel sicherlich das Pink Floyd-lastigste aller Eloy-Werke (man höre nur "The Apocalypse"...), aber nichtsdestotrotz ganz großes Kino. Von der Stimmung her "Ocean" auch nicht unĂ€hnlich, allerdings insgesamt etwas griffiger und rockiger. Anschließend war die Luft aber endgĂŒltig raus, im Prinzip liefen Eloy danach in alle Himmelsrichtungen auseinander.

Trotzdem sollte es eine Tournee zum Album geben und fĂŒr diese verstĂ€rkte man sich auf Bornemanns Wunsch hin mit einem zusĂ€tzlichen Gitarristen, nĂ€mlich Hannes Arkona, der Bornemann auf der BĂŒhne entlasten und zusĂ€tzliche FreirĂ€ume ermöglichen sollte. Hannes dachte natĂŒrlich, er kĂ€me in eine funktionierende und intakte Band, aber in Wirklichkeit erlebte er das Ende dieses Line-Ups, denn nach nur wenigen Konzerten in Frankreich (die einzigen Auftritte in der Quintettbesetzung Bornemann / Matziol / Arkona / Schmidtchen / Rosenthal) verließen Rosenthal und Schmidtchen, die zu den Konzerten bereits in einem separaten PKW anreisten, Eloy. Und das war es dann erst mal.

Danach wollten die beiden ihr eigenes Projekt Ego On The Rocks auf die Beine stellen und dachten wohl, das wĂŒrde ein SelbstlĂ€ufer werden, aber das wurde es dann ja leider nicht. Obwohl die einzige Scheibe wirklich gut ist.

Und abermals waren Eloy an einem Scheidepunkt ihrer Karriere angelangt. Nur mit dem Unterschied zum vorherigen Mal, dass Frank Bornemann diesmal nicht völlig alleine zurĂŒckgeblieben war, sondern Klaus-Peter Matziol an seiner Seite hatte. Und auch Neuzugang Hannes Arkona hatte sein Interesse bekundet, mit Eloy weitermachen zu wollen. Und wie es dann weiterging, erfahrt Ihr im dritten Teil... boys_0222

Bild
(Sitzend: Rosenthal, Bornemann, Matziol. Hinten stehend: Schmidtchen)
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#5

Beitrag: # 49867Beitrag Vertigo
15.11.2018, 19:31

Wieder sehr interessant! Dankeschön!

Ich kann Rosenthal verstehen, dass er sich nicht in die Aussage seiner Texte reinreden lassen wollte. Wenn ich als Schreiber etwas nun mal so oder so sehe, kann ich nicht auf Wunsch das ganz anders sehen. Also etwas, das ich negativ empfinde auf einmal positiv darstellen. Doch bzgl. der Singbarkeit der Texte hatte Bornemann absolut recht. Rosenthal vergaß vor lauter Freude am Thema, dass er kein Buch oder Essay oder etwas dergleichen schreiben sollte, sondern Texte fĂŒr ne Rockband. Der SĂ€nger ist am Ende der Depp, wenn er in der Musik keinen Platz findet die Masse an Text unterzubringen in den Songs.

Das hatte am Anfang fĂŒr mich auf der "Ocean" gehakt, ist aber lĂ€ngst eines der Markenzeichen dieses Albums geworden. Viel zu viel anspruchsvoller Text, den Bornemann aber doch irgendwie unterbrachte. Doch klar, dass Bornemann das nicht noch einmal und noch einmal hĂ€tte mitmachen wollen, kann man nachvollziehen.
Sicher spielte, bewusst oder unbewusst, auch die Kritik Peter RĂŒchels da ebenso mit ne Rolle. Da war vermutlich das GefĂŒhl bei Bornemann da "wegen diesen blöden esoterischen Texten, haben wir keine Chance im Rockpalast aufzutreten", was ja enorm wichtig gewesen wĂ€re damals. Auch sowas kann innerlich Ärger aufbauen und hat es hier auch wohl.

JĂŒrgen Rosenthal gebĂŒhrt aber der Verdienst, mir die "SĂ€ulen des Herakles" vorgestellt zu haben. Der Moment wo Bornemann "the columns of Iracles" singt ist immer wieder ein besonderer fĂŒr mich. Danach hatte ich mich damals per Buch ĂŒber griechische Sagen schlau gemacht, von was Rosenthal denn da singt.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#6

Beitrag: # 49870Beitrag AusDemWegIchBinArzt
15.11.2018, 19:52

Und da sage noch mal einer, Rockmusik wÀre bildungsfern. ;)

Im Ernst, ich fand seine Texte immer grandios. So tief, wie Rosenthal sich in die Materie jedesmal reingekniet hat, das machen doch nur wenige. Egal ob man mit der Aussage jetzt was anfangen kann oder nicht, es zeigt aber, da hat sich jemand tiefgreifende Gedanken zu einem Thema gemacht.

Deswegen hat mich die despektierliche Aussage von RĂŒchel auch immer ein wenig gestört. Zumal die Band so viele Fans damals hatte, der Rockpalast wĂ€re aus allen NĂ€hten geplatzt, das wĂ€re DER Knaller gewesen. Ich wĂŒrde gerne mal wissen, ob er heute immer noch der gleichen Meinung ist wie damals.

Bei den Texten gibts doch auch diese schöne Anekdote um den Prolog vom "Sun-Song", der von einem dieser bornierten Kritikertrottel in völliger Unkenntnis als "bierernste Verse" abgetan wurde, dabei stammten die Zeilen von Arthur Rimbaud. Das ist doch mehr als peinlich.

Rosenthal sieht das heute ĂŒbrigens selber ein, dass seine Texte eine harte Nuss fĂŒr Bornemann waren und ihn vor große Herausforderungen stellten, weil sie eigentlich nicht singbar waren.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

nixe
BeitrÀge: 12136
Registriert: 15.06.2017, 15:42
Wohnort: am Rande von NDS
Hat sich bedankt: 3537 Mal
Danksagung erhalten: 2381 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#7

Beitrag: # 49880Beitrag nixe
15.11.2018, 23:21

Ich bin geplÀttet, nur vom Lesen!
Wo hast Du die ganzen Infos her?
Soviel stand doch garnicht in den Booklets der remastered Versionen!
Äußerst informativ! THX!
Musik hat die FÀhigkeit uns geistig, körperlich & emotional zu beeinflussen!

!!!I like Prog!!!

!!!Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten!!!

TschĂŒĂŸ
nixe

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#8

Beitrag: # 49881Beitrag AusDemWegIchBinArzt
16.11.2018, 00:03

Eloy Pt.3: Neustart, Irrwege, Auflösung

Nachdem das Erfolgs-Line up mit Schmidtchen und Rosenthal nun also ebenfalls komplett an die Wand gecrasht war, sah Bornemann sich zum zweiten Mal in seiner Karriere gezwungen, einen Neustart hinzulegen. Da zumindest Klaus-Peter Matziol und auch Neuzugang Hannes Arkona aber weiterhin an seiner Seite blieben, war er diesmal nicht ganz auf sich alleine gestellt.

Obwohl sich Bornemann durchaus gute Chancen ausrechnete, die Band mit neuen und hungrigen Musikern wieder adĂ€quat bestĂŒcken zu können, sah er sich natĂŒrlich mit der Tatsache konfrontiert, dass Schmidtchen und Rosenthal in den wenigen Jahren die sie bei Eloy gespielt hatten, riesige FußabdrĂŒcke hinterlassen hatten und deren Nachfolger, so gut sie auch sein mochten, bis auf weiteres in deren Schatten stehen und daran gemessen wĂŒrden.

In besonderem Maße galt das fĂŒr denjenigen, der den charismatischen JĂŒrgen Rosenthal beerben wĂŒrde, denn dieser war bei den Fans ausgesprochen beliebt gewesen. Die neuen wĂŒrden es also sicherlich nicht einfach haben und ihren Platz in der Band und die Anerkennung bei den Fans erst mĂŒhsam erkĂ€mpfen mĂŒssen.

Nachdem zahlreiche Drummer bei den anberaumten Auditions vorgespielt hatten, entschied man sich schließlich fĂŒr den gebĂŒrtigen Schotten Jim McGilivray, ehemals bei den Kollegen von Epitaph in Lohn und Brot, der zuvor bereits zum engeren Freundeskreis der Band gehört hatte. Nicht von der Hand zu weisen war dabei allerdings der Umstand, dass dem Schlagwerker in der Szene der Ruf einer etwas schwierigen und eigenwilligen Persönlichkeit vorauseilte, was sich dann spĂ€ter auch bewahrheitete. Aber dazu komme ich noch.

Technisch war Jim im Gegensatz zu JĂŒrgen, dessen "rollenden" Drums von vielen rhythmischen und perkussiven Facetten und Feinheiten geprĂ€gt waren, eher ein gradliniger Drummer und eine zuverlĂ€ssige Groovemaschine.

Der Drummer war somit schnell gefunden, aber die Besetzung des Keyboardpostens stellte sich als schwieriger heraus. Es wurden diverse Musiker angetestet, darunter bekannte Leute wie Matthias Ulmer von AnyoneÂŽ s Daughter, der extra von Stuttgart nach Hannover zum Vorspielen anreiste.

Dann gab es einen Versuch, Manfred Wieczorke zurĂŒck in die Band zu lotsen, der nach seinem Ausstieg bei Jane und dem anschließenden Scheitern seines vielversprechend begonnenen Bandprojektes Firehorse gerade ohne BeschĂ€ftigung war. Manfred absolvierte genau eine Probe mit Eloy, lehnte die Offerte anschließend aber ab, obwohl er mit offenen Armen aufgenommen worden wĂ€re. Der Grund fĂŒr seine Weigerung lag in der Person Jim McGilivrays, welcher nach Manfreds Ansicht merkwĂŒrdige Vibes verbreitete, die ihm nicht gefielen und nicht gerade zu seinem WohlgefĂŒhl beitrugen. Die Chemie stimmte einfach nicht.

Allerdings stammen einige wenige Keyboardanteile des Songs "Child Migration", den Eloy 1980 anlĂ€ĂŸlich des "Jahr des Kindes" aufnahmen, von Manfred. Freilich hat diese frĂŒhe Version des Songs aber nichts mit der spĂ€teren AusfĂŒhrung zu tun, die dann auf dem Album "Colours" landete. Es sind quasi zwei verschiedene StĂŒcke.

Jedenfalls war die LĂŒcke hinter dem Keyboard immer noch nicht geschlossen worden, als Hannes Arkona eines Abends plötzlich mit seinem etwas jĂŒngeren Kumpel Hannes Folberth im Schlepptau im Proberaum auftauchte. Die beiden kannten sich gut, hatten bereits Anfang der 70er Jahre gemeinsam Musik gemacht bei Bands wie SkarabĂ€us und hatten seitdem immer wieder in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden musikalisch miteinander zu tun gehabt.

Frank Bornemann war allerdings zunĂ€chst etwas skeptisch, weil der Leumund Hannes Folberths mit gewissen Makeln behaftet war. So galt dieser zwar als ausgezeichneter und hochtalentierter Musiker, allerdings auch als unzuverlĂ€ssig und Drogen gegenĂŒber nicht abgeneigt. Dennoch beschloß Bornemann, Folberth eine Chance zu geben und war auf der Stelle ziemlich begeistert, denn Folberth konnte sich auf Anhieb in die Musik Eloys einfĂŒhlen und alles spielen, was man von ihm erwartete.

Im Vergleich zu Schmidtchen und Wieczorke war Folberth der erste Keyboarder bei Eloy, der gelernter Pianist und von der Pike auf an seinem Instrument ausgebildet worden war, mit allem Drum und Dran und SpielfĂ€higkeiten, die rein technisch weit ĂŒber denen seiner beiden VorgĂ€nger lagen. Und aufgrund seines noch eher jugendlichen Alters - er war gerade mal 21 - schien er noch formbar zu sein, was Bornemann durchaus gefiel, auch wenn er in der Folgezeit erkennen mußte, dass Folberth durchaus einen eigenen Kopf besaß, den er zuweilen auch durchsetzte.

Das erste, was Folberth bei Eloy jedoch als Grundvoraussetzung zu lernen hatte, war ein GespĂŒr fĂŒr die Schwingungen der Musik. Nicht jedes vermeintliche Soundloch mußte sofort virtuos zugeknödelt werden - wozu Pianisten im Allgemeinen gerne neigen - nein, einfach auch mal einen Ton lange zu halten und eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, darauf kam es an. Aber mit der Zeit schaffte Hannes es, das VerstĂ€ndnis dafĂŒr zu entwickeln und diesem Anspruch gerecht zu werden, dabei aber trotzdem neue, eigenstĂ€ndige Akzente zu setzen, die sich harmonisch in das EloyÂŽsche Klanguniversum einzufĂŒgen vermochten.

Eloy standen wieder kerzengerade in der TĂŒr, neu aufgestellt mit einem routinierten Schlagwerker und einem grandiosen Talent an den KeyboardtĂŒrmen, bereit, den bisherigen Siegeszug fortzusetzen !

Jetzt galt es mit eigenen Werken die KreativitĂ€t der neuen Besetzung unter Beweis zu stellen, ohne dabei die bisherige kĂŒnstlerische IdentitĂ€t aufs Spiel zu setzen.

Seit FrĂŒhjahr 1980 war die Band wieder komplett, fĂŒr den Herbst war die nĂ€chste Albumveröffentlichung angedacht. Nicht viel Zeit, um ein ĂŒberzeugendes Ergebnis abzuliefern und die durch den Zerfall der alten Besetzung verunsicherten und irritierten Fans zu beruhigen.

Obwohl sich Frank Bornemann liebend gerne erneut an ein komplexes Konzeptwerk gemacht hĂ€tte, war klar, dass dieses aufgrund des eng gesteckten Zeitplanes nicht mehr realisierbar sein wĂŒrde. Also beschloß man, starke Einzelsongs ohne inhaltlichen oder musikalischen Zusammenhang aufzunehmen. StĂŒcke, die den hochmotivierten, vor KreativitĂ€t innerlich schier zerberstenden Musikern einfach so gefielen, die aber nicht so viel Kopfarbeit erforderten wie ein wie auch immer geartetes Konzept. Zudem arbeitete man erstmals im nigelnagelneuen, bandeigenen Horus Sound-Studio und nicht mehr bei Georgi Nedeltschev im "Studio N".

Vorteilhaft war in dieser zeitlich knappen Situation, dass mit Jim McGilivray abermals ein Schlagzeuger zur VerfĂŒgung stand, der sich aufs Texten verstand und zudem als gebĂŒrtiger EnglĂ€nder einen klaren sprachlichen Vorteil mit sich brachte, was sicheres Formulieren anging. McGilivrays Texte folgten zwar nicht dem inhaltlichen Anspruch eines JĂŒrgen Rosenthal und waren fĂŒr Frank Bornemann als zeitsparendes Mittel zum Zweck auch eher eine Übergangslösung, kamen aber in dieser Situation ĂŒberaus gelegen und wurden daher stillschweigend akzeptiert.

Zudem waren die Wortkreationen McGilivrays weitaus besser phonetisch umsetzbar und deutlich singbarer, als die sperrigen Texte von Rosenthal, die viel Kopfzerbrechen bereitet hatten.

Als "Colours" schließlich im Herbst 1980 in die LĂ€den kam, fanden die Fans ein sehr inspiriertes Album vor, mit dem die neue Besetzung gleich mal eine eindrucksvolle Visitenkarte hinterlassen hatte. AuffĂ€llig war dabei, dass es zwar durchaus als typisches Eloy-Album erkennbar war und auch durchaus einen gewissen symphonischen Ansatz besaß, sich aber von den ausladenden, schwelgerischen Epen der Vergangenheit ein ganzes StĂŒck gelöst hatte und alles kompakter, straffer arrangiert auf den Punkt brachte. Das Album klang so gesehen frischer, ohne aber die liebgewonnenen Eloy-Trademarks komplett ĂŒber Bord zu schmeißen.

Es gab weiterhin ausgiebige Synthesizerkaskaden, aber auch PianoklĂ€nge oder flötenartige Sounds tauchten auf. Die Songs waren insgesamt, wie schon angedeutet, deutlich kĂŒrzer und griffiger. Man ĂŒberraschte mit teilweise unerwartet harten Gitarrenriffs (die neue Version von "Child Migration" beispielsweise), die aber in ihrer Kontrastwirkung zu den wie immer sehr schön perlenden Melodien und den Synthiesounds ungeheuer effektiv in der Wirkung waren und der Musik eine zusĂ€tzliche Klangfarbe verliehen, die der Band ausgesprochen gut zu Gesicht stand.

Vor allem eine Sache war der entscheidende Faktor, der zum Gelingen des Albums beitrug: Die Kompositionen waren durch die Bank ausgereift und erstklassig, obwohl sie in so kurzer Zeit entstanden waren. Es gibt kaum einen schwachen oder verzichtbaren Ton auf dem Album, die Songs ĂŒberzeugen durch die Bank alle mehr oder weniger. Besondere Highlights wĂ€ren StĂŒcke wie "Illuminations", das treibende "Silhouette" oder das von einem wunderbaren, spacig blubbernden Synthie eingeleitete, eher schleppende "Giant".

Von daher lĂ€ĂŸt sich sagen, dass "Colours" zwar teilweise etwas anders, aber nicht schlechter war, qualitativ nahtlos an die 70er-Großtaten anschließen konnte und Eloy gleichzeitig fit machte fĂŒr das angebrochene neue Jahrzehnt.

Die Verkaufszahlen der LP und auch die TicketverkĂ€ufe bei den Konzerten blieben auf hohem Niveau, konnten allerdings nicht mehr ganz die herausragenden Ergebnisse von "Silent Cries And MIghty Echoes" oder "Ocean" erreichen, wofĂŒr man allerdings auch eine allgemeine seinerzeitige Rezession auf dem TontrĂ€germarkt mitverantwortlich machte, die auch andere KĂŒnstler betraf.

Die Reaktionen auf das Album fielen allerdings allgemein positiv aus, auch wenn manche Fans ein wenig bedauerten, dass die Band von ausladenden Mammut-Epen wie in der Vergangenheit etwas Abstand genommen hatte und auf "Colours" mehr auf den Punkt gebracht agierte. Dennoch wurde die Scheibe ĂŒberwiegend gut aufgenommen, selbst die gehĂ€ssigen Kommentare von den verhassten Musikkritikern blieben diesmal weitgehend aus und gelegentlich schwang sich der eine oder andere von ihnen sogar zu verhalten anerkennenden Worten auf.

Da nun die 80er Jahre begonnen hatten, gab es fĂŒr Musiker ein Thema, das gerade besonders im Kommen war: Videos. Diesem neuen Promotion-Instrument galt es fortan erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Auch Eloy fanden Gefallen an dem Gedanken, einen oder zwei Titel visuell umzusetzen. Und so fackelte man nicht lange und schlug im Studio des befreundeten Klaus Schulze (ja, DER Klaus Schulze...) in der NĂ€he von Celle auf. Videoproduzenten gab es zu dieser Zeit noch nicht viele, aber Klaus experimentierte bereits seit geraumer Zeit mit dem neuen Medium herum und wollte sich mit Musikvideoproduktionen ein zweites Standbein schaffen. Also bot er der Band an, zwei ihrer StĂŒcke zu visualisieren.

DafĂŒr wĂ€hlte man "Illuminations" und "Silhouette" aus, fĂŒr die dann mit aus heutiger Sicht einfachen, wenn nicht gar primitiven Mitteln zwei recht interessante und irgendwie aufgrund ihrer schlichten Umsetzung auch rĂŒhrende Videoclips entstanden, von denen primĂ€r der von "Silhouette" im GedĂ€chtnis geblieben ist, weil er die Band als Schattenfiguren vor einer weißen Leinwand zeigt, wĂ€hrend Bornemann als Ciown geschminkt die Rolle des ErzĂ€hlers ĂŒbernimmt. Allerdings gestalteten sich die Arbeiten an den Videos aufgrund des Alkoholkonsums von Klaus Schulze zeitweilig etwas zĂ€h, wie Bornemann in einem spĂ€teren Interview anmerkte...

Leider hatte jedoch die Fernsehwelt nicht unbedingt auf ein Video von Eloy gewartet und auch bei der Plattenfirma nahm man die Aktion eher mit Stirnrunzeln zur Kenntnis, genauer gesagt konnten die Verantwortlichen des Labels ĂŒberhaupt nichts mit den Filmchen anfangen. DafĂŒr klatschten sie der Band aber eine umso bahnbrechendere Idee auf den Tisch: Man wollte von Eloy unbedingt eine kommerzielle Single haben, die man entsprechend vermarkten könnte, um den geĂ€nderten Anforderungen des TontrĂ€germarktes, insbesondere im Angesicht der heraufziehenden Neuen Deutschen Welle, Rechnung tragen zu können. Radio-Airplay inbegriffen. Offenbar hatte das Label ĂŒbersehen, dass Eloy absolut keine Single-Band sind und die Musiker, die sich selbstredend als klassische Album-Band betrachteten, waren natĂŒrlich auch alles andere als begeistert von diesem Gedanken.

Dennoch ließ man sich breitschlagen und versuchte nun also auf Wunsch der Plattenfirma, die bereits von einem großen Hit trĂ€umte, mit "Wings Of Vision" eine gefĂ€llige Single abzuliefern, die natĂŒrlich in keinster Weise reprĂ€sentativ fĂŒr das sonstige Schaffen der Band war. EMi brachte das Lied als 7"-Single und 12"-Maxi-Single auf den Markt, aber es ist vermutlich ĂŒberflĂŒssig zu erwĂ€hnen, dass aus dem großen Erfolg nichts wurde, denn fĂŒrs Radio waren Eloy auch weiterhin kein Thema und die treuen Eloy-Fans irritierte die Single höchstens etwas, interessierte ansonsten aber nicht weiter. Somit wurde also auch dieses Kapitel schnell wieder zu den Akten gelegt.

Unterm Strich konnte die Band nach dem Zusammenbruch der Rosenthal-/Schmidtchen-Besetzung, der erfolgreichen Wiederauferstehung im neuen Line-Up, einem gelungenen Album und einer insgesamt recht gut laufenden Tour also optimistisch in die Zukunft blicken und sich weiterhin im vorderen Feld der deutschen Rockszene bestÀtigt sehen.

Eine unangenehme Sache gab es in diesen aufregenden Tagen allerdings doch, denn der seit "Dawn" fĂŒr die Band erfolgreich tĂ€tige Manager Bernd Gukelberger, der den Musikern auch freundschaftlich verbunden war, legte seine TĂ€tigkeit aus gesundheitlichen GrĂŒnden nieder. Der Streß der vergangenen Jahre hatte ihn zunehmend aus der Bahn geworfen und an seiner Substanz gezehrt, also zog er die Notbremse. Als Ersatz ließ man sich auf den völlig unerfahrenen Wolfgang Rott ein, der extra fĂŒr die Band seinen sicheren Job im öffentlichen Dienst kĂŒndigte und auch ein netter Kerl war, jedoch von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Der Mann war völlig ĂŒberfordert mit seinen Aufgaben, doch zu diesem Zeitpunkt glaubte man noch, es wĂŒrde sich mit der Zeit alles auf dem richtigen Niveau einpegeln.

Die "Colours"-Tourneen fĂŒhrten die Band auch ins Ausland, u.a. in die Schweiz und nach Frankreich, was aber sogleich in einem finanziellen Desaster resultierte, da dieser Trip aufgrund eines Vertragsfehlers von Wolfgang Rott mit einem sechsstelligen Minus endete. Als Ausgleich und Motivationsbringer fĂŒr den Bandfrieden gab es dafĂŒr Anfang 1981 ein paar ausverkaufte, finanziell sehr lohnenswerte Konzerte in Griechenland, wo die Bandmitglieder zu ihrer eigenen Überraschung wie absolute Superstars empfangen wurden, mit dicken Limousinen und Bodyguards fĂŒr jeden Musiker. Sowas wĂ€re in Deutschland undenkbar gewesen.

Gleichzeitig begannen sich am Horizont allerdings erneut dunkle Wolken abzuzeichnen, denn mit Jim McGilivray machte sich ein internes Problem zunehmend bemerkbar. Er kam bei den Fans nicht gut an, die ihn, obwohl er ohne Frage ein guter Musiker war, als eher farblosen Fremdkörper in der Band wahrnahmen. Jim hatte weder das Charisma von Rosenthal, noch besaß er die Persönlichkeit von Fritz Randow. Außerdem stand er mit dem Herzen nicht hinter der Musik von Eloy und erfĂŒllte seinen Dienst eher nach Vorschrift, als mit Leidenschaft. Das fĂŒhrte zu einer zunehmenden Unzufriedenheit auf allen Seiten und zu angespannter Stimmung in der Band.

WĂ€hrend die ĂŒbrigen Mitglieder immer mehr zusammenwuchsen, entwickelte sich der Drummer immer stĂ€rker zum Außenseiter. Es mangelte ihm zunehmend an ZuverlĂ€ssigkeit und LoyalitĂ€t gegenĂŒber der Band und als er wĂ€hrend der Aufnahmen zum folgenden Album "Planets" auch noch unvorbereitet ins Studio kam, schlechte Leistungen zeigte und einen gĂ€nzlich unmotivierten Eindruck hinterließ, war die Trennung beschlossene Sache. Laut Bornemann ist McGilivray das einzige Eloy-Mitglied, das regelrecht gefeuert werden mußte.

Fortsetzung folgt...
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#9

Beitrag: # 49886Beitrag Vertigo
16.11.2018, 08:20

AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
15.11.2018, 19:52
Und da sage noch mal einer, Rockmusik wÀre bildungsfern. ;)

Im Ernst, ich fand seine Texte immer grandios. So tief, wie Rosenthal sich in die Materie jedesmal reingekniet hat, das machen doch nur wenige. Egal ob man mit der Aussage jetzt was anfangen kann oder nicht, es zeigt aber, da hat sich jemand tiefgreifende Gedanken zu einem Thema gemacht.

Deswegen hat mich die despektierliche Aussage von RĂŒchel auch immer ein wenig gestört. Zumal die Band so viele Fans damals hatte, der Rockpalast wĂ€re aus allen NĂ€hten geplatzt, das wĂ€re DER Knaller gewesen. Ich wĂŒrde gerne mal wissen, ob er heute immer noch der gleichen Meinung ist wie damals.

Bei den Texten gibts doch auch diese schöne Anekdote um den Prolog vom "Sun-Song", der von einem dieser bornierten Kritikertrottel in völliger Unkenntnis als "bierernste Verse" abgetan wurde, dabei stammten die Zeilen von Arthur Rimbaud. Das ist doch mehr als peinlich.

Rosenthal sieht das heute ĂŒbrigens selber ein, dass seine Texte eine harte Nuss fĂŒr Bornemann waren und ihn vor große Herausforderungen stellten, weil sie eigentlich nicht singbar waren.
Rockmusik war fĂŒr mich noch nie bildungsfern. So manchen Themen hab ich mich genĂ€hert, nachdem irgendne Band drĂŒber gesungen hatte. Haben die Kritiker selber wohl nie so gemacht, fĂŒr sowas ist man sich ja zu schade und außerdem weiß man eh alles.

Ich mochte Rosenthals Texte auch immer und fand das auch toll, dass er sich da so reingekniet hatte. Was RĂŒchel heute dazu meint wĂŒrde mich auch interessieren, denn das war schon respektlos und dumm obendrein. Als ob all die englischen und amerikanischen Bands die im Rockpalast spielten immer wahnsinnig gute Texte gehabt hĂ€tten. Aber sie waren halt nicht deutsch und allein das reichte ja um es gut zu finden. Deutsche Rockmusik wurde ja von Deutschen am meisten abgelehnt.

Mit dem Intro zum "Sun Song" auf dem Livealbum hat Rosenthal ĂŒbrigens mir gleich noch eine TĂŒr geöffnet, die zur Lyrik. Ich hatte mich vorher nie damit beschĂ€ftigt, war aber von dieser Poesie vor dem eh schon schönen "Sun Song" zutiefst angetan. Hatte keinen Schimmer wer Arthur Rimbaud war, aber wollte mehr davon. Auf dem Ego On The Rocks Album gibts ja dann nochmal ein vertontes Rimbaud Gedicht, Rosenthal war da wohl ein regelrechter Fan vermute ich. Jedenfalls steht (nicht nur) Lyrik von Rimbaud heutzutage in meinem Regal und wird ab und an rausgeholt wenn mir danach ist. Die Anekdote, dass ein Kritiker das fĂŒr Geschwurbel von Rosenthal hielt kenn ich auch, da muß ich immer noch grinsen, weil ich mir denke wie sich der Trottel wohl gefĂŒhlt hatte, als ihm das irgendwer mal klargemacht hatte.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#10

Beitrag: # 49894Beitrag AusDemWegIchBinArzt
16.11.2018, 10:06

nixe hat geschrieben: ↑
15.11.2018, 23:21
Ich bin geplÀttet, nur vom Lesen!
Wo hast Du die ganzen Infos her?
Soviel stand doch garnicht in den Booklets der remastered Versionen!
Äußerst informativ! THX!
Na ja, ich bin halt ziemlicher Eloy-Fan....da sammelt man schon ĂŒber die Jahre einiges zusammen. :roll: ;)

Das eine oder andere Zitat stammt von den Interviews zur "Legacy Box", der Rest grötenteils aus diversen Zeitschriften-Interviews,
dem Fanzine "Magic Mirror" oder anderen Publikationen.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#11

Beitrag: # 49907Beitrag AusDemWegIchBinArzt
16.11.2018, 13:29

Eloy, Pt.3: Neustart, Irrwege, Auflösung (Teil 2)

Nachdem man sich nun also wĂ€hrend der bereits angelaufenen Produktion zum nĂ€chsten Album "Planets" von Jim McGilivray trennen mußte,
stellte sich erneut die Frage, wer als geeigneter Kandidat fĂŒr den Platz hinter dem Drumkit in Frage kommen wĂŒrde. Schneller als gedacht bot
sich die Gelegenheit, den bereits von 1972-1975 zur Band gehörenden Fritz Randow erneut fĂŒr Eloy zu verpflichten, da dessen Engagement bei Epitaph seinerzeit gerade in den letzten ZĂŒgen lag und man aufgrund der laufenden Aufnahmen sowieso möglichst wenig Zeit mit der Suche nach einem neuen Mann verplempern wollte.

Das kommende Album "Planets" bedeutete nach dem kompakt gehaltenen "Colours" einerseits wieder eine Hinwendung zu den symphonischen, ausschweifenden KlÀngen, welche die Fans von Eloy so liebten. Es handelte sich endlich wieder um ein Konzeptalbum, eine Sci Fi-Geschichte, ganz nach Frank Bornemanns Geschmack.

Andererseits war aber auch teilweise eine etwas stĂ€rkere Poplastigkeit als frĂŒher in der MelodiefĂŒhrung erkennbar und die SynthesizerklĂ€nge von Hannes Folberth waren spaciger und fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse auch moderner, als man es von Detlev Schmidtchen noch im Ohr hatte.

Eloy versuchten, ihre Fans mit einer Verbindung aus altbekannten und neueren Elementen zu erreichen und auf diese Art und Weise den Weg in die 80er Jahre erfolgreich fortzusetzen.

UrsprĂŒnglich war auch "Planets", Ă€hnlich wie schon einst "Power And The Passion", als Doppelalbum geplant gewesen. Doch diesmal war es die Plattenfirma, welche Bornemann riet, lieber zwei kurz hintereinander folgende Einzelscheiben daraus zu machen. Die Band hörte auf diesen
Vorschlag und im Nachhinein war man dann sogar ganz froh, weil es durch das Theater um Jim McGilivray sowieso problematisch geworden wÀre,
wenn man an einem Doppelalbum gewerkelt hÀtte.

So mußte man zunĂ€chst nĂ€mlich nur ein normales Album fertigstellen und ein neuer Drummer war nicht gleich gezwungen, einen riesigen Berg an StĂŒcken in einem Schwung einspielen zu mĂŒssen. Man konnte das bereits vorhandene Material von Jim verwenden, fĂŒr den Rest wurde zur Komplettierung ein Studiomusiker hinzugezogen und dann kam auch schon Fritz Randow. Und an den zweiten Teil konnte man sich anschließend in aller Ruhe machen.

Ab "Planets" bediente neben Hannes Folberth auch Hannes Arkona zusĂ€tzlich zur Gitarre die Synthesizer, was ihn dann auf der BĂŒhne öfter mal zwischen beiden Instrumenten hin-und herwechseln ließ und so ganz neue klangliche Möglichkeiten eröffnete. Die beiden Hannesse ergĂ€nzten sich dabei hervorragend.

Obwohl die musikalische und inhaltliche Seite von "Planets" durchaus ansprechend umgesetzt war, zeigte sich Frank Bornemann mit der Produktion unzufrieden. Abgesehen von den Schwierigkeiten mit Jim, die vorĂŒbergehend Unruhe reinbrachten, störte sich Bornemann vor allem am Klang seines Gesangs auf dem Album und ist bis heute der Auffassung, dass der verantwortliche Produzent (Jan Nemec) dort schlechte Arbeit verrichtet hat. Auch der erneute Einsatz von Streichern an einigen Stellen des Albums befriedigte Bornemann nicht, weil er die Umsetzung als unter den eigentlichen Möglichkeiten geblieben betrachtete. Akzeptabel zwar, ja, das schon, aber mehr eben auch nicht.

Aus Bornemanns Sicht wĂ€re mehr herauszuholen gewesen, aber das engagierte Streicherensemble stieß wohl relativ schnell an seine Grenzen und fĂŒr die Ausarbeitung der Arrangements mußte auch jemand anderes gefunden werden, da Wolfgang Maus, der das Ganze schon sehr erfolgreich auf "Dawn" umgesetzt hatte, nicht mehr greifbar war. Insgesamt empfand Bornemann die Aufnahmen von "Planets" als relativ anstrengend und kraftraubend, zumal alles unter einem gewissen Zeitdruck geschah.

Nachdem "Planets" im SpĂ€therbst 1981 endlich auf dem Markt war, machte man sich gleich an die Arbeiten zum Quasi-Zwilling "Time To Turn", der dann bereits wenige Monate spĂ€ter, im FrĂŒhjahr 1982, erschien. Mit Fritz Randow war nun auch wieder ein Schlagzeuger in der Band, der sich sofort in den Stil einfinden konnte, dahinterstand und wußte, um was es geht, da er schon einmal zur Band gehört hatte.

Außerdem war Fritz Ă€hnlich beliebt und anerkannt bei den Fans wie JĂŒrgen Rosenthal. Er spielte zwar anders, vor allem hĂ€rter als dieser, hatte auch keine lyrischen Ambitionen, war dafĂŒr aber ein recht extrovertierter Typ und ein kleiner Showman. So begeisterte er live mit einem eigens ausgedachten, kurzweiligen Schlagzeugsolo und kleineren KunststĂŒckchen - beispielsweise jonglierte er mit den Sticks. Und auch sonst war er ein freundlicher, aufgeschlossener und sympathischer Typ. Das kam einfach gut an.

Die Harmonie in der Band war wieder hergestellt und so konnte man sich guten Gewissens mit "Time To Turn" beschÀftigen. Die stilistische Linie von "Planets", bestehend aus dem geliebten symphonischen Eloy-Bombast und poppigeren Melodien, wurde nahtlos fortgesetzt, wobei "Time To Turn" noch eine Ecke poppiger geriet.

Die Synthesizerarrangements, mit deren Ausarbeitung die beiden Hannesse sich sehr viel MĂŒhe gaben, waren soundmĂ€ĂŸig nun eindeutig in den 80ern angekommen und an dieser Stelle muß ich einwenden, dass es hier und da rein klanglich etwas grenzwertig wurde. Auch die noch etwas gefĂ€lligeren Melodien stießen nicht ĂŒberall auf ungeteilte Gegenliebe.

Erstmals setzte Frank Bornemann auf "Time To Turn" zudem BackgroundsĂ€ngerinnen ein und da bin zumindest ich der Meinung, dass das nicht unbedingt nötig gewesen wĂ€re, weil die Damen teilweise sehr penetrant rĂŒberkommen und den poppigen Charakter einiger StĂŒcke eher ungut unterstreichen. Leider sah Bornemann das aber anders, so dass die Chanteusen fortan auf fast jedem folgenden Album ebenfalls zum Repertoire gehörten. Na ja.

Trotzdem gibt es immer noch einige sehr starke bis herausragende StĂŒcke auf dem Album, etwa den Opener "Through A Somber Galaxy", "Magic Mirrors" oder "Behind The Walls Of Imagination".

VerkaufszahlenmĂ€ĂŸig mußten Eloy allerdings zunehmend Einbußen hinnehmen. Die Platten liefen zwar, kamen aber nicht mehr an die Ergebnisse der Hochzeiten heran. Das gleiche galt fĂŒr die Konzerte, deren TicketverkĂ€ufe deutlich zurĂŒckgingen.

Es war ein Abstieg zu verzeichnen, was auch daran lag, dass Eloy in den Medien kein großes Thema mehr waren, noch nicht mal in negativer Hinsicht wie noch einige Jahre zuvor. Die Band rief einfach kein großes Interesse mehr hervor und galt als gestrig, man stĂŒrzte sich lieber auf die Neue Deutsche Welle, Punk und New Wave. Auch PromotionmĂ€ĂŸig wurde nicht mehr so viel fĂŒr Eloy getan.

Zudem war nach dem inkompetenten Wolfgang Rott ein neuer Manager nachgerĂŒckt, Jogi Dramm, der zwar mehr von seinem Fach verstand aber trotzdem ein Griff ins Klo war, weil er mit der musikalischen Philosophie von Eloy nichts anfangen konnte und sich auch sonst nicht besonders fĂŒr seine neuen SchĂŒtzlinge interessierte. So jemand kann eine Band natĂŒrlich nicht weiterbringen.

So gingen die Zahlen immer weiter zurĂŒck, was natĂŒrlich erneut Unzufriedenheit und Diskussionen provozierte. Inzwischen wurden zunehmend auch Stimmen innerhalb der Band laut, die eine verĂ€nderte musikalische Ausrichtung forderten, um den Zeichen der neuen Zeit gerecht zu werden. Vor allem Arkona und Folberth verfolgten solche Gedanken und forcierten eine stilistische Modernisierung, Randow und Matziol schlossen sich ihnen an.

Bornemann blieb dagegen eher skeptisch und war nicht ĂŒberzeugt davon. Zu dieser Zeit war auch sein VerhĂ€ltnis zum ansonsten loyalen Matziol etwas gestört und angekratzt, man ging sich irgendwie gegenseitig ein wenig auf die Nerven. So wie in einer langjĂ€hrigen Ehe.

Klaus-Peter Matziol machte dann 1983 erstmal nebenbei ein Soloalbum, welches "Matze" betitelt und deutschsprachig war. Musikalisch bewegte er sich dort, assistiert von den Eloys Arkona und Folberth, zwischen Rock und Neuer Deutscher Welle. Sogar JĂŒrgen Rosenthal arbeitete als Texter bei zwei Songs mit. Trotzdem wurde die Scheibe kein ĂŒberragender Erfolg. 1984 folgte eine englische Version davon, die "Run For Cover" hieß und unter dem sinnigen Projektnamen KPM veröffentlicht wurde.

In eine Ă€hnliche Richtung tendierte dann auch das folgende Eloy-Album "Performance", welches wieder wegging vom symphonischen Bombast der beiden vorherigen Alben und eine völlig unerwartete Richtung einschlug. Bornemann hatte sich weitgehend rausgehalten und kreativ relativ wenig daran beteiligt, viel mehr die anderen einfach nach ihrem Gusto machen lassen, weil er keine Lust hatte, sinnlos Energie und Kraft fĂŒr Diskussionen zu verpulvern.

Die Songs waren wieder sehr kurz und gestrafft auf den Punkt gebracht, hĂ€tten in diesem Punkt also eher als direkte Nachfolger des "Colours"-Albums Sinn ergeben. Dazu kamen sehr kalte, fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse ungeheuer zeitgemĂ€ĂŸe Synthisounds und eine AtmosphĂ€re, die sich eher am New Wave orientierte sowie als Gegenpol dazu EinflĂŒsse aus dem Melodic Hardrock. Das ziemlich Science Fiction-mĂ€ĂŸige Artwork war auch ungewöhnlich fĂŒr Eloy, die bis dahin eher Fantasy-artige GemĂ€lde bevorzugt hatten.

Dass außer Bornemann sich auch noch alle Bandmitglieder die Haare abschneiden ließen, um an den Zeitgeschmack angepaßter zu erscheinen, war ein weiteres befremdliches Ergebnis dieses kruden Selbstfindungsprozesses und sprach fĂŒr sich.

Alles zusammengenommen war irgendwie nicht richtig Fisch und nicht richtig Fleisch. Neben kompositorisch wenigen guten StĂŒcken ("Shadow And Light", "A Broken Frame", das kurze Instrumental "Mirador") standen Songs, die einfach nur gewöhnungsbedĂŒrftig und auf modern getrimmt waren, aber nicht so recht zĂŒnden wollten. Der von der Band angepeilte Erfolg blieb auch weitestgehend aus und noch heute ist "Performance" eines der streitbarsten Eloy-Alben, was Bornemanns damalige Skepsis im Nachhinein bestĂ€tigt.

Danach hatte der Chef das Zepter wieder in der Hand und genug von solchen unfruchtbaren Experimenten. Die anderen Bandmitglieder mußten einsehen, dass sie ĂŒbers Ziel hinausgeschossen waren und man sich vielleicht doch lieber wieder mit dem beschĂ€ftigen sollte, was die Band traditionell ausmachte. Und das waren nun einmal in sich geschlossene Konzeptalben, die von AtmosphĂ€re und symphonischer Wucht lebten. Also ruderte man fĂŒr das nĂ€chste und vorerst letzte Studioalbum "Metromania" erneut zurĂŒck und setzte wieder dort an, wo man mit "Planets" / "Time To Turn" aufgehört hatte.

Und "Metromania" wurde dann sogar wieder ein richtig gutes, beinahe schon ĂŒberraschend starkes Album, welches ich persönlich musikalisch eigentlich sogar durch die Bank gelungener als eben "Planets" oder "Time To Turn" finde, wenn da nicht der schreckliche Sound wĂ€re.

Zwar ging das einige Jahre spĂ€ter, auf dem unverhofften und klangtechnisch nahezu unhörbaren Comebackalbum "Ra" (dazu spĂ€ter mehr) noch schlimmer, aber auch "Metromania" wurde schon ziemlich in Grund und Boden produziert, mit teilweise sehr zeitgeistigen Synthiesounds und viel Hall unter den Drums, die manchmal dermaßen nach Drumcomputer klingen, dass man fast nicht glauben mag, dass dort mit Fritz Randow noch ein leibhaftiger Mensch die Stöcke schwingt.

Aber rein kompositorisch sind die Songs grĂ¶ĂŸtenteils klasse: Der schnelle Opener "Escape To The Heights", das hymnische "Follow The Light" oder der Heavy-Stampfer "Nightriders" - alles Top-Material auf einem insgesamt recht abwechslungsreich gehaltenen , dennoch atmosphĂ€risch dicht und homogen erscheinenden Album. Sogar die wieder zum Einsatz kommenden BackgroundsĂ€ngerinnen wirken auf diesem Album nicht ganz so störend wie etwa auf "Time To Turn".oder spĂ€teren Werken der Band.

Insgesamt war "Metromania" also ein bis auf die erwĂ€hnten Flecken auf der Weste rundum gutes Album, was selbst Bornemann auch heute noch so sieht. Die Band hatte sich musikalisch in dieser Besetzung endgĂŒltig gefunden und auch die Nachfrage nach Eloy wuchs langsam wieder.

Hannes Arkona Ă€ußerte spĂ€ter seine Ansicht, dass es höchstens noch ein oder zwei Alben gedauert hĂ€tte, bis die Band wieder einen richtigen Oberkracher der "Ocean"-Liga abgeliefert hĂ€tte, denn sie wĂ€re seiner Ansicht nach, die auch Bornemann teilt, musikalisch problemlos fĂ€hig dazu gewesen.

Aber die Luft war einfach völlig raus. Obwohl es musikalisch wieder harmonierte, kriselte es zwischenmenschlich immer stĂ€rker und es bildeten sich Risse im ohnehin fragilen BandgefĂŒge, die allmĂ€hlich nicht mehr zu ĂŒbersehen waren. Daran konnten auch die triumphalen 84er Auftritte im legendĂ€ren Londoner "Marquee" nichts mehr Ă€ndern, die fĂŒr Eloy einen wahr gewordenen Traum bedeuteten. Gerade in England hatte die Band seinerzeit eine sehr gute Presse, was auch letztlich zur Buchung dieser Auftritte gefĂŒhrt hatte. Sogar Marillion, von denen insbesondere SĂ€nger Fish ein großer Eloy-Fan war, tauchten anschließend im Backstagebereich auf und feierten mit den Hannoveranern.

Es wurde sogar ernsthaft ĂŒber eine gemeinsame Tournee von Eloy und Marillion nachgedacht, aber das scheiterte dann an Marillions Plattenfirma, die ihr deutliches Veto einlegte, weil sie in Eloy eine ernsthafte Konkurrenz fĂŒr Marillion sah und befĂŒrchtete, das Fish & Co. von den Norddeutschen jeden Abend an die Wand gespielt wĂŒrden.

Auf jeden Fall hĂ€tten Eloy zu dieser Zeit einige Optionen fĂŒr die weitere Zukunft offen gehabt, es sah alles keineswegs schlecht aus. Hannes Folberth Ă€ußert sogar im Interview zur "Legacy Box" die Meinung, anstelle der Marquee-Gigs hĂ€tte man lieber die Zeit fĂŒr die Entwicklung weiterer guter Alben verwenden können. Aber irgendwie waren Bornemann und die Band einfach mĂŒde und völlig ausgebrannt. So kam Frank schließlich beinahe zwangslĂ€ufig zu der schweren Entscheidung, das Kapitel Eloy zu schließen. Somit kam es dann 1984/85 zur vorlĂ€ufigen Auflösung der Band.

Einige der Eloy-Musiker beschĂ€ftigten sich danach zunĂ€chst mit dem Soundtrack zum Film "Codename: Wildgeese", der ihnen etwas Ablenkung verschaffte und tatsĂ€chlich sogar unter dem Namen Eloy 1985 veröffentlicht wurde, obwohl Frank Bornemann daran in keinster Weile beteiligt war. Bornemann war ĂŒber die Namensnutzung auch nicht sonderlich erfreut, sah aber von weiteren Schritten dagegen ab.

SpĂ€ter kamen einige der ex-Eloyer dann nochmal zusammen, um beim Rockballett Shade mitzuwirken oder unterstĂŒtzten sich untereinander bei Soloprojekten. Klaus-Peter Matziol fing ab Anfang der 90er hauptberuflich an, in der GeschĂ€ftsfĂŒhrung eines großen deutschen Konzertveranstalters zu arbeiten, was er bis heute macht und Hannes Folberth unterlegte zwischen 1987 und 1992 Pornofilme von Teresa Orlowski mit Musik, bevor er eine Ausbildung zum Heilpraktiker machte. Frank Bornemann verlegte sich hauptsĂ€chlich aufs Produzieren von Hardrock-und Heavy Metal-Bands in seinem Studio.

Ende 1984 war also noch nicht abzusehen, dass Eloy vier Jahre spĂ€ter wieder unverhofft in neuer Form aus der Versenkung auferstehen wĂŒrden und niemand hĂ€tte damit gerechnet, dass in noch spĂ€teren Jahren sogar Klaus-Peter Matziol und Hannes Folberth wieder zur Band gehören wĂŒrden.

Doch dazu spÀter mehr...

Bild
(von links: Bornemann, Matziol, Randow, Folberth, Arkona)
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#12

Beitrag: # 49917Beitrag Vertigo
16.11.2018, 15:32

Ich weiß, du bist ja nicht fĂŒr Neueinspielungen, aber "Under Wraps" von Tull oder "Ra" von Eloy, doch die beiden hĂ€tte ich gerne mit echten Musikern eingespielt. Das könnte nur besser werden.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#13

Beitrag: # 49920Beitrag AusDemWegIchBinArzt
16.11.2018, 15:47

Vertigo hat geschrieben: ↑
16.11.2018, 15:32
Ich weiß, du bist ja nicht fĂŒr Neueinspielungen, aber "Under Wraps" von Tull oder "Ra" von Eloy, doch die beiden hĂ€tte ich gerne mit echten Musikern eingespielt. Das könnte nur besser werden.
Im Prinzip hast Du sicherlich recht.

Ein paar Songs von "Ra" und "Destination" wurden ja schon fĂŒr die "Chronicles II" neu eingespielt - MIT richtiger Band. Ich sprach das schon mal unlĂ€ngst an, glaube ich. Nur klingen diese Neuaufnahmen komischerweise nicht wirklich wesentlich viel besser aus meiner Sicht. Irgendwie orientierte Bornemann sich da klanglich immer noch sehr dicht an den originalen Versionen.


Mein Problem mit Neuaufnahmen nochmal konkret:
Die Originale, auch bei Tull, sind nun mal ein Spiegel der Entstehungszeit sind und besitzen den entsprechenden Zeitkolorit. Das muß man nicht mögen und es kann auch grĂ€ĂŸlich klingen, wie hier. Aber so war es damals nun einmal gewollt. Es fĂŒhlt sich fĂŒr mich einfach generell falsch an, dann nachtrĂ€glich alles nochmal neu aufzunehmen, auch wenn es so wie hier vielleicht durchaus berechtigt wĂ€re. Ein Kunstwerk ĂŒbermalt man ja auch nicht 20 Jahre spĂ€ter mit anderen Farben.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#14

Beitrag: # 49938Beitrag Vertigo
16.11.2018, 17:01

AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
16.11.2018, 15:47
Ein Kunstwerk ĂŒbermalt man ja auch nicht 20 Jahre spĂ€ter mit anderen Farben.
Das natĂŒrlich nicht, aber man kann es neu malen, mit anderen Farben. So wie Monet seine Seerosen ja zu jeder Jahreszeit gemalt hat.

Ein MusikstĂŒck bleibt ja nicht zementiert in dem Jahr wo es veröffentlicht wurde. Denk dran, manche StĂŒcke haben mehrere Jahre auf dem Buckel bevor das dann mal erschien. Und das lag nicht immer an der Band, manchmal am Label.

Entscheidend finde ich eben nur, dass man das Original nicht ĂŒbermalt oder die Aufnahmen löscht und dergleichen. Aber eine Neuinterpretation, wie der KĂŒnstler sein Werk 10 oder mehr Jahre spĂ€ter sieht, sowas find ich immer spannend. Vorausgesetzt es wird eben aus nem kĂŒnstlerischen BedĂŒrfnis gemacht und nicht aus MarketinggrĂŒnden, aber sowas hört man ja schnell ob derjenige sich dabei was gedacht hat oder nicht.

Das Original bleibt ja dann trotzdem so wie du es magst als Zeitdokument bestehen. Aber Musik muß leben, die darf niemals nur in ihrer Zeit existieren, sonst wĂŒrde kein Mensch heute mehr klassische Musik auffĂŒhren dĂŒrfen.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#15

Beitrag: # 49947Beitrag AusDemWegIchBinArzt
16.11.2018, 17:26

Vertigo hat geschrieben: ↑
16.11.2018, 17:01
AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
16.11.2018, 15:47
Ein Kunstwerk ĂŒbermalt man ja auch nicht 20 Jahre spĂ€ter mit anderen Farben.

Das Original bleibt ja dann trotzdem so wie du es magst als Zeitdokument bestehen. Aber Musik muß leben, die darf niemals nur in ihrer Zeit existieren, sonst wĂŒrde kein Mensch heute mehr klassische Musik auffĂŒhren dĂŒrfen.
Ich habe nicht gesagt, dass ich das Original in jedem Fall mögen muß. "Ra" und "Under Wraps" zum Beispiel finde ich furchtbar, weißt Du ja. Aber mir mißfĂ€llt einfach der Gedanke, nachtrĂ€glich aufs Neue daran herumzupfuschen, auch wenn das Original scheiße klingt und man spĂ€ter alles besser machen könnte.

Vor allem könnten Bands dann theoretisch alle 10 Jahre ihre Songs neu aufnehmen, weil sich stÀndig irgendwas an der Studiotechnik und den Möglichkeiten Àndert oder die Musiker, die sowieso oft chronisch unzufrieden mit ihren eigenen Werken sind, plötzlich alles wieder ganz anders machen wollen.

Es fĂŒhlt sich einfach nicht richtig an fĂŒr mich. Das Original ist nun mal so wie es ist, da steht man dann zu, auch wenn es total entsetzlich klingt und man theoretisch mit einer Neuaufnahme alles besser machen könnte. Aber ich gehe meinetwegen gerne bei dem Gedanken mit, eine Neuaufnahme zu erstellen, die dann als Bonus dem originalen Album beigelegt wird, so dass man dann auch direkt vergleichen kann. Wenn es schon sein muß.

Deinen gedanklichen Ansatz verstehe ich natĂŒrlich voll und ganz, es ist ja keineswegs so, dass ich mir nicht auch schon vorgestellt hĂ€tte, wie gut "Under Wraps" möglicherweise mit einer ganz anderen Produktion klingen könnte. Allerdings gibts da noch ein anderes Problem, denn bei "Under Wraps" ist es nicht nur der grausame Sound, sondern die Tatsache, dass der Großteil der Songs (bis auf 2,3 StĂŒck) als solche auch einfach nicht wirklich gelungen ist, kompositorisch. Da war der gute Ian so begeistert von der ganzen Technik, dass er darĂŒber vergessen hat, einfach gute Lieder zu schreiben, die vielleicht auch in einem anderen Gewand funktionieren könnten.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#16

Beitrag: # 49952Beitrag AusDemWegIchBinArzt
16.11.2018, 20:13

Eloy Pt.4: Auferstehung aus der Asche

Nachdem fĂŒr Frank Bornemann das Thema Eloy erledigt war und sich die Mitglieder der letzten Besetzung mehr oder weniger in alle Windrichtungen zerstreut hatte, verlegte sich der Bandkopf vornehmlich aufs Produzieren anderer Bands in seinem Horus Sound-Studio. An Eloy verschwendete er vorerst keinen Gedanken mehr und er verspĂŒrte auch keinerlei Motivation, seine Energie in eine eigene Band zu stecken.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1985 lief ihm der Berliner Keyboarder Michael Gerlach ĂŒber den Weg. Man verstand sich auf Anhieb, fand sich sympathisch und beschloß unverbindlich, einfach mal einige musikalische Ideen auszutauschen und gemeinsam an Songs zu tĂŒfteln, noch ohne genau zu wissen, zu welchem Ziel diese Zusammenarbeit fĂŒhren wĂŒrde.

Gerlach, der aus einer Musikerfamilie stammte, hatte zuvor bereits in einigen Berliner Bands gespielt und mit der Popformation The Twins sogar erste Erfolge feiern können.

Die Kooperation klappte gut und brachte im Laufe von etwa 2 Jahren einiges an neuem Material hervor, so dass man sich irgendwann unweigerlich die Frage stellen mußte, was nun damit geschehen sollte. Da den beiden bereits aufgefallen war, dass die neuen StĂŒcke teilweise sehr stark an Eloy erinnerten, war es eigentlich nur eine logische Schlußfolgerung und somit Formsache, das Ganze dann auch als Eloy-Album herauszubringen.

So kam es schließlich 1987 zur NeugrĂŒndung von Eloy. Da Bornemann aber nach wie vor keine große Lust hatte, erneut den Stressfaktor Band um sich herum aufzubauen, beschloß man, Eloy fortan als lediglich aus Bornemann und Gerlach bestehendes Duo zu betreiben. Die fehlenden Bandmitglieder sollten entweder durch Sessionmusiker oder Studiotechnik (Drumcomputer, etc.) ersetzt werden. Die Technologie hatte zu dieser Zeit wahnsinnige EntwicklungssprĂŒnge durchlaufen und so schien nahezu alles technische möglich, um das Fehlen echter Bandmitglieder zu kompensieren.

Auch war klar, dass Eloy Bornemann zukĂŒnftig nicht mehr so in Beschlag nehmen sollten wie in der Vergangenheit, da seine PrioritĂ€tensetzungen mittlerweile anderen Aufgaben galten, z.B. dem Studio. Und das sollte auch so bleiben. Aber alle paar Jahre mal ein Album und gelegentlich mal ein paar Konzerte oder eine kurze Tour, das sollte drin sein.

Da es damals noch kein Internet und nur wenige Informationsmöglichkeiten gab, war die Überraschung bei den Fans natĂŒrlich groß, als 1988 plötzlich ein unangekĂŒndigtes neues Eloy-Album in den LĂ€den stand. Dieses, "Ra" betitelt, wurde natĂŒrlich mit entsprechender Freude zur Kenntnis genommen.

Leider stellte sich aber alsbald heraus, dass es eine ziemliche EnttÀuschung war. Zwar gingen die Songs grundsÀtzlich schon in die klassische Eloy-Richtung, aber die Tatsache, dass die "Band" nur aus zwei Leuten bestand und der Rest aus der Konserve rekrutiert wurde, machte sich sofort
Ă€ußerst negativ bemerkbar. Die Platte ist dermaßen ĂŒberproduziert, dass sie beinahe nicht anhörbar ist. Das sterile Klangbild und die ganzen Soundeffekte sind eine einzige Katastrophe, eine Plastikproduktion, wie sie schlimmer nicht sein könnte.

Das fĂŒhrte dazu, dass selbst gute AnsĂ€tze in einigen Songs (z.B. bei "Voyager Of The Future Race" oder "Sensations") enorm darunter leiden mußten, dass sie vom kĂŒnstlichen Sound völlig untergebuttert wurden. Außerdem hatte Bornemann die Möglichkeiten der Stimmenharmonisierung fĂŒr sich entdeckt, so dass sein natĂŒrliches Timbre an einigen Stellen in Höhen getunt wurde, die an Jon Anderson (Yes) erinnerten und ĂŒberhaupt nicht zu ihm paßten. Ganz grausam.

Trotzdem gaben Eloy einige Livekonzerte mit dem neuen Material und da befanden sich dann auch richtige (Gast-)Musiker an den ĂŒbrigen Instrumenten, z.B. der bewĂ€hrte Fritz Randow hinterm Schlagzeug, was die Songs schon gleich deutlich besser und lebendiger klingen ließ.

Abgesehen von "Rainbow" - dieser schreckliche Song ist ein dermaßener Totalausfall, dass er auch live nicht besser wurde. Ein kitschig-poppiges BanalstĂŒck mit entsetzlichem Refrain, bei dem sich wirklich die FußnĂ€gel hochrollen. TatsĂ€chlich noch um ein vielfaches schlimmer als die ebenfalls schon grenzwertige, auf Kommerz getrimmte "Wings Of Vision"-Single, die Eloy einige Jahre zuvor auf ausdrĂŒcklichen Wunsch der Plattenfirma fabrizieren mußten. "Rainbow" ist wirklich das einzige Eloy-StĂŒck von dem ich sagen wĂŒrde, es wĂ€re besser nicht geschrieben worden.

Nach den 88er Konzerten war dann aber auch erst mal wieder Ruhe im Karton. Jeder ging seiner Wege und erst 1992 fanden sich Bornemann und Gerlach erneut zusammen, um ein Eloy-Album aufzunehmen. Wieder nur als Duo, aber wenigstens hatte man diesmal aus dem schlimmsten Fehler des VorgÀngers gelernt und einen leibhaftigen Studiodrummer (Nico Baretta) ans Schlagzeug gesetzt, anstatt wie beim letzten Mal einen Drumcomputer durchlaufen zu lassen.

Alleine dieser Umstand sorgte schon dafĂŒr, dass das folgende Album "Destination" wieder ein ganzes StĂŒck lebendiger und dynamischer tönte als die verboten klingende "Ra", auch wenn der Sound als solcher immer noch nicht ganz das Gelbe vom Ei war und sich ziemlich aufgeblasen anhörte. Aber um LĂ€ngen besser und vertrĂ€glicher als bei "Ra" war er allemal.

Bei "Destination" tauchte sogar ein alter Bekannter wieder auf: Klaus-Peter Matziol hatte sich nach 8 Jahren Eloy-Abstinenz nicht zweimal bitten lassen, als er darum gebeten worden war, zu 2 Songs die Bassparts beizutragen. Inzwischen verstanden er und Bornemann sich auch wieder und hatten alte Zwistigkeiten lÀngst ausgerÀumt, so dass die freundschaftliche Verbundenheit wieder hergestellt war.

Musikalisch ist "Destination" abgesehen vom MĂŒlltonnen-DebĂŒt aber das eigentlich untypischste Eloy-Album ĂŒberhaupt. Die fĂŒr die Band so prĂ€gnanten SynthesizerklĂ€nge wurden deutlich zurĂŒckgefahren und tauchen eher sparsam dosiert auf, hier und dort finden stattdessen auch mal FlötenklĂ€nge Verwendung. Es regiert ĂŒberwiegend straighter, bisweilen hymnischer Melodic Hardrock - die jahrelange Arbeit mit Hardrock- und Heavy Metal-Bands im Horus Sound Studio hatte klar erkennbare Spuren bei Frank Bornemann hinterlassen.

"Destination" bekam auch durchaus recht ordentliche Kritiken, aber natĂŒrlich entsprach es nicht so ganz dem, was Eloy-Fans eigentlich von ihrer Band erwarteten.

Diesem Umstand versuchte man bereits 2 Jahre spĂ€ter mit einem weiteren Studioalbum Rechnung zu tragen. Zuvor hatte man 1993 noch die Alben "Chronicles I" und "Chronicles II" realisiert, auf denen Songs frĂŒherer Eloy-Alben neu, mit aktuellen Produktionsmethoden aufgenommen worden waren. Man wollte damit einigen ausgewĂ€hlten alten StĂŒcken ein zeitgemĂ€ĂŸeres Klangbild verschaffen und im Sound des Jahres 1993 prĂ€sentieren.

Ab den "Chronicles"-Scheiben sah Michael Gerlach seine "Lehrzeit" als Eloy-Keyboarder auch als beendet an, zumal er lĂ€ngst zu einem vollwertigen, unverzichtbaren Songwritingpartner fĂŒr Frank Bornemann geworden war. Daran ist auch deutlich zu erkennen, welche große Rolle eine besondere Harmonie zwischen Bornemann und dem jeweiligen Keyboarder stets fĂŒr das musikalische Zusammenwirken gespielt hat.

Nun also schickte man sich an, mit "The Tides Return Forever" endlich wieder ein Album aufzunehmen, welches dem klassischen Eloy-Spirit stĂ€rker gerecht werden sollte. Aus dem Duo Eloy war mittlerweile ein Trio geworden, denn zur Freude aller war Klaus-Peter Matziol trotz seiner anderweitigen beruflichen Verpflichtungen wieder als festes, vollwertiges Mitglied in die Band eingestiegen und somit neben Bornemann ein weiterer wichtiger musikalischer StĂŒtzpfeiler aus guten, alten Tagen.

Die restlichen Instrumente wurden wieder von Sessionmusikern beigetragen, darunter erneut Nico Baretta an den Drums oder erstmals auch der EnglĂ€nder Steve Mann an der zweiten Gitarre, der zuvor unter anderem bei Michael Schenkers MSG und in den 80ern bei der NWOBHM-Truppe Tytan gespielt hatte, aber auch sonst sehr umtriebig und in zahlreiche weitere Bands und Projekte involviert war. Und natĂŒrlich waren bei einem Album im klassischen Eloy-Stil die anscheinend unverzichtbaren Background-Tussis auch wieder mit von der Partie.

Das Album ist kein riesiger Wurf und manches erinnert auch noch ein wenig an die "Ra"-/"Destination"-Phase, aber insgesamt verfĂŒgt das Werk wieder ĂŒber deutlich stĂ€rker ausgeprĂ€gte Anteile der klassisch-symphonischen Eloy-DNA. Nicht alles zĂŒndet, manches wabert auch etwas ziel-oder belanglos vor sich hin, aber insgesamt ist das Ergebnis als recht solide zu bezeichnen und auch der wieder deutlich bessere, natĂŒrlichere Sound stimmt versöhnlich.

Mit dem grundsĂ€tzlich gelungenen Titeltrack ist sogar fast sowas wie ein Eloy-Klassiker der Neuzeit vorhanden, aber leider wird das Lied nach hinten raus durch die stĂ€ndige Wiederholung des Refrains, der auch noch von den TrĂ€llertanten kaputtgekreischt wird, verhunzt. Die Damen jaulen dermaßen exaltiert herum, dass es in den Ohren wehtut und man wirklich denkt, Eloy wollten einen auf Soul-Band machen.... :roll:

Die Konzerte der anschließenden, 94/95er Tournee liefen sehr erfolgreich und waren gut besucht. Live hatte man sich neben Steve Mann u.a. mit Bodo Schopf am Schlagzeug verstĂ€rkt, der zuvor ebenfalls fĂŒr MSG gespielt hatte und die glĂŒckliche Gabe besaß, die Power von Fritz Randow mit der feingeistigen FiligranitĂ€t von JĂŒrgen Rosenthal verbinden zu können.

Nach diesem Triumphzug dachte Bornemann darĂŒber nach, den Deckel ĂŒber dem Buch Eloy wieder zu schließen....denn was sollte danach noch großes kommen ? Es schien alles wesentliche erreicht zu sein und zu diesem Zeitpunkt hatte Bornemann auch die Auffassung verinnerlicht, alles mit seiner Band gesagt zu haben. Bornemann: "Nach der Tour, die absolut fantastisch lief, habe ich mir gesagt, besser kann man nicht aufhören." (RockTimes-Interview, 2013).

Doch es gab Leute in Bornemanns Umfeld, zum Beispiel BĂ€r LĂ€sker, den Manager von Fury In The Slaughterhouse und den Fantastischen Vier, die ihn zum Weitermachen animierten, ja geradezu nötigten. Schließlich hatten die hartnĂ€ckigen Überredungsversuche Erfolg und Bornemann begann sich an das zu machen, was zu "Ocean II - The Answer" werden sollte.

Ein extrem anspruchsvolles Unterfangen, welches aus Bornemanns Sicht so etwas wie das absolute Magnum Opus der Bandkarriere darstellen sollte. Welches Risiko man damit einging, war dem Bandkopf selbstverstĂ€ndlich vollends bewußt. Denn das ursprĂŒngliche "Ocean"-Werk von 1977 galt vielen als DAS Eloy-Album schlechthin und war eines der beliebtesten Alben der Band, das bestverkaufte sowieso.

Schon aufgrund des Titels des neuen Albums ("Ocean II - The Answer") wĂŒrden sofort Vergleiche gezogen werden. Auch inhaltlich, denn schließlich gedachte Bornemann, den thematischen Faden von "Ocean" wieder aufzunehmen und in die heutige Zeit zu ĂŒbertragen. Wobei Bornemann allerdings nicht die dĂŒsteren Visionen von Rosenthals Textkonzept weiterspinnen wollte, die ihm seit jeher etwas quer im Magen lagen. Vielmehr wollte er die Geschichte aus seiner Sicht weitererzĂ€hlen und mit einer positiveren Kernaussage versehen. Ähnlicher Anspruch also, aber andere Umsetzung. Der Gedanke an ein peinliches Scheitern der ambitionierten Idee durfte dabei nicht mal ansatzweise Platz im Kopf finden.

Nun, musikalisch kann man "Ocean II - The Answer" schon mal nicht als Abklatsch der ersten "Ocean" sehen. Deren ganz spezielle und eigene AtmosphĂ€re wird nicht erreicht. Außerdem orientierte Bornemann sich stilistisch erneut eher an der 80er Jahre-Phase, also an Alben wie "Planets", "Time To Turn" oder "Metromania", was eh zu erwarten gewesen war.

Auf dieser Basis haben er, Matziol und Gerlach sowie Bodo Schopf, der nun auch im Studio als Drummer dabei war, es aber geschafft, ein tragfĂ€higes Werk zu kreieren, welches zwar nicht an die erste "Ocean" herankommt, aber allemal besser und stimmiger als die drei VorgĂ€nger ist und relativ nahtlos an "Metromania" anschließen kann, somit also nach etwas dĂŒrren Jahren die beste Scheibe seit dem 84er Output darstellte. Klanglich gelang ein warmer und druckvoller, aber auch transparenter Sound, der ebenfalls als positiv zu bewerten ist.

Und mit "Paralyzed Civilisation", "Ro Setau" oder "Awakening Of Consciousness" befinden sich sogar mindestens drei Songs darauf, die wirklich sehr gute Eloy-Klasse bieten und das Album ĂŒber den Durchschnitt erheben, sowie sich sehr gut in das Liverepertoire der Band einfĂŒgen zwischen den ganzen Klassikern.

Auch die Konzerte zu "Ocean II" verliefen ĂŒberaus erfolgreich, obwohl nun schon wieder leichte AbfĂ€lligkeit in den entsprechenden Medien aufkam, die in Eloy inzwischen unverbesserliche, altmodische Prog Rock-SĂ€cke auszumachen glaubten, die einem ewigen Anachronismus nachhĂ€ngen....Eloy und die Journalisten, das alte leidige Thema. Da sollte also auch weiterhin keine große Liebe mehr draus werden.

Nach "Ocean II" deutete allerdings wirklich alles darauf hin, dass das Thema Eloy endgĂŒltig zu den Akten oder zumindest bis auf weiteres auf Eis gelegt wĂŒrde und etwa um die Jahrtausenwende herum oder kurz danach ließ man auch durchblicken, dass zu dem Thema alles gesagt sei und es Eloy mehr oder minder nicht mehr gĂ€be.

Doch da sollte Frank Bornemann sich gewaltig irren. Vor allem hatte er nicht mit dem Enthusiasmus und der HartnÀckigkeit der Fans gerechnet oder die Eigendynamik der ganzen Angelegenheit zumindest stark unterschÀtzt. Doch dazu mehr im nÀchsten und letzten Teil.... :biggrinn:

Bild
(Michael Gerlach, Frank Bornemann)
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Oracle
Administrator
BeitrÀge: 3716
Registriert: 13.05.2017, 11:13
Wohnort: Free City
Hat sich bedankt: 436 Mal
Danksagung erhalten: 1065 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#17

Beitrag: # 49958Beitrag Oracle
16.11.2018, 22:35

wahnsinns Text, mein Guter!
Ich habe die Eloy Story noch nirgends so umfassend und detailliert gelesen.
Absolut spannend!

Der Rezensent der Rimbaud nicht kennt war ĂŒbrigens Manfred Gillig.

Meine erste Eloy war die Ra, die mir heute noch gefÀllt.
Mir ist klar, dass sie steril klingt aber mich stört es nicht so.
Ich hab die in einer Zeit (1988) kennen gelernt wo eigentlich alle so einen Sound hatten.

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#18

Beitrag: # 49970Beitrag Vertigo
17.11.2018, 09:32

Beim StĂŒck "The Tides Return Forever" ists eigentlich das einzige Mal, dass ich die Background-Damen als absolut passend empfinde. Der stĂ€ndig wiederholte Refrain am Ende ergibt ja nen Sinn, denn...The Tides Return Forever. Das symbolisiert das ewige Anrollen und Abgleiten der Gezeiten, die andauernde Wiederkehr. Und da die Damen das gesanglich wohl zu wĂŒrzen wissen und sich in der IntensitĂ€t steigern, ist das das einzige Mal wo ich sage, hier gehören die hin, hier sind sie eine echte sinnvolle Bereicherung des Sounds und setzen das Thema perfekt um. In viel zu vielen anderen Eloy-StĂŒcken sind sie nur Garnierung. HĂŒbsch, aber nicht notwendig.

Den Sound der "Ocean II" find ich gar nicht so toll. Die erschien damals, als ich grade im Musikbusiness arbeitete, bei unserer Firma und ich hatte mich eigentlich drauf gefreut. Eigentlich....weil ich Eloy bei der Tour zur "Tides Return Forever" gesehen hatte und da fand ich sie recht schwach, grade Bodo Schopf z.B. fand ich fĂŒrchterlich schwach. Alles andere als ein kreativer, verspielter Drummer, war der viel zu gradlinig, viel zu "heavy" in seinem Spiel. Der schaffte es sogar, dass das göttlich, unantastbare Intro zu "Poseidon's Creation" langweilig klang.

Von daher war ich zwar neugierig auf ein neues Eloy-Album, welches ich noch dazu kostenlos bekommen wĂŒrde, aber war auch skeptisch. Die Skepsis hatte sich dann beim Sound schon bestĂ€tigt. Viel zu laut und wuchtig und modern kam mir das daher, das waren nicht meine Eloy. Ich hatte die ein paarmal gehört, fand sie aber nicht gut und hab sie dann verkauft. Hab sie mir erst vor zwei Jahren oder so wiedergekauft, weil ich inzwischen meinen Frieden damit gemacht hatte und dank der Livescheibe nun doch auf einige "Ocean II" Songs neugierig geworden bin. Außerdem hatte ich mich an den Sound gewöhnt, wohl durchs viele Proghören in den Nullerjahren.

Der Sound hat mir dann erst auf der "Visionary" wieder gefallen, aber da waren dann viele Songs eher schwach. Auf der "Jeanne D'Arc" passt dann endlich der etwas ĂŒberkandidelte Sound zum Inhalt.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#19

Beitrag: # 49994Beitrag AusDemWegIchBinArzt
17.11.2018, 11:30

Du empfindest den Sound als ĂŒberkandidelt ? Also, das kann ich so nicht unterschreiben....unter ĂŒberkandidelt stelle ich mir definitiv was anderes vor. Überkandidelt, das ist fĂŒr mich soundmĂ€ĂŸig sowas wie "Ra" oder auch "Metromania", wobei mich das bei letzterer nicht sooo massiv stört, weil die Songs gut sind.

Sowohl "Ocean II" als auch "The Vision, The Sword And The Pyre" finde ich klanglich eigentlich sehr angenehm fĂŒr die Ohren. Druckvoll, ja, aber eben nicht too much, dafĂŒr warm und gut ausbalanciert. Als zu wuchtig-modern sehe ihn den Sound eigentlich nicht, da gibts ganz andere Beispiele.

Was "The Tides Return Forever" angeht....fĂŒr mich ist das nicht zwingend notwendig, die Aussage des StĂŒcks dadurch zu bekrĂ€ftigen, dass man den Refrain in Endlosschleife wiederholt. Ich bin sowieso kein Freund allzu hĂ€ufiger Wiederholungen und hier wurde das fĂŒr meinen Geschmack wirklich zu sehr ausgereizt. Ich könnte damit allerdings wahrscheinlich auch noch leben, wenn die Frauen das nicht in Grund und Boden krakeelen wĂŒrden. Das ist es, wo es bei mir dann endgĂŒltig aussetzt. Es gibt eigentlich kein anderes Eloy-StĂŒck, wo mich der - mitunter eh fragwĂŒrdige - Backgroundgsang so stört wie hier.

Bodo als Drummer war eigentlich keine Fehlbesetzung, ich denke, er mußte sich einfach auch erst etwas reinfinden in die Musik. GrundsĂ€tzlich ist er sehr vielseitig, hat auch einen sehr breitgefĂ€cherten musikalischen Geschmack. Keineswegs nur heavyÂŽ Zeugs, wie man vielleicht denken könnte. Und das was er dann spĂ€ter abgeliefert hat, z.B. auf "Visionary", finde ich sehr ordentlich, auch wenn da die Songs als solche nicht so der Bringer waren. Ich denke, Bornemann hat auch nicht ohne Grund an ihm so lange festgehalten. Da finde ich Kristof Hinz, der die letzte Scheibe eingetrommelt hat (warum eigentlich nicht Bodo ?) deutlich farbloser. Sicherlich spieltechnisch sauber, aber eben einfach blasser Durchschnitt.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#20

Beitrag: # 50001Beitrag Vertigo
17.11.2018, 12:03

AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
17.11.2018, 11:30
Du empfindest den Sound als ĂŒberkandidelt ? Also, das kann ich so nicht unterschreiben....unter ĂŒberkandidelt stelle ich mir definitiv was anderes vor. Überkandidelt, das ist fĂŒr mich soundmĂ€ĂŸig sowas wie "Ra" oder auch "Metromania", wobei mich das bei letzterer nicht sooo massiv stört, weil die Songs gut sind.

Sowohl "Ocean II" als auch "The Vision, The Sword And The Pyre" finde ich klanglich eigentlich sehr angenehm fĂŒr die Ohren. Druckvoll, ja, aber eben nicht too much, dafĂŒr warm und gut ausbalanciert. Als zu wuchtig-modern sehe ihn den Sound eigentlich nicht, da gibts ganz andere Beispiele.

Was "The Tides Return Forever" angeht....fĂŒr mich ist das nicht zwingend notwendig, die Aussage des StĂŒcks dadurch zu bekrĂ€ftigen, dass man den Refrain in Endlosschleife wiederholt. Ich bin sowieso kein Freund allzu hĂ€ufiger Wiederholungen und hier wurde das fĂŒr meinen Geschmack wirklich zu sehr ausgereizt. Ich könnte damit allerdings wahrscheinlich auch noch leben, wenn die Frauen das nicht in Grund und Boden krakeelen wĂŒrden. Das ist es, wo es bei mir dann endgĂŒltig aussetzt. Es gibt eigentlich kein anderes Eloy-StĂŒck, wo mich der - mitunter eh fragwĂŒrdige - Backgroundgsang so stört wie hier.

Bodo als Drummer war eigentlich keine Fehlbesetzung, ich denke, er mußte sich einfach auch erst etwas reinfinden in die Musik. GrundsĂ€tzlich ist er sehr vielseitig, hat auch einen sehr breitgefĂ€cherten musikalischen Geschmack. Keineswegs nur heavyÂŽ Zeugs, wie man vielleicht denken könnte. Und das was er dann spĂ€ter abgeliefert hat, z.B. auf "Visionary", finde ich sehr ordentlich, auch wenn da die Songs als solche nicht so der Bringer waren. Ich denke, Bornemann hat auch nicht ohne Grund an ihm so lange festgehalten. Da finde ich Kristof Hinz, der die letzte Scheibe eingetrommelt hat (warum eigentlich nicht Bodo ?) deutlich farbloser. Sicherlich spieltechnisch sauber, aber eben einfach blasser Durchschnitt.
Sowas wie "Ra" ist nicht ĂŒberkandidelt, sowas ist indiskutabel. Der Sound da (nicht die Songs) ist so grottenschlecht, dass ich mich immer noch wundere wie Musiker, die in den 70ern groß geworden sind, sich das jemals schön reden konnten. Mode hin Mode her, das ist einfach schlechter Sound. Nichts daran ist in irgendeiner Form ausgewogen. Alles ist randvoll mit Effekten und knallt und rumst. Das ist ein Sound, wie ihn sich vielleicht ein 15jĂ€hrige als geil vorstellt, aber doch nicht gestandene MĂ€nner, die bereits Ahnung davon haben wie ne Platte klingen sollte. Ich denke, jeder Tonmeister heute der vom Klang an sich was versteht, wĂŒrde einem die "Ra" um die Ohren hauen und fragen ob du ernsthaft so nen Klang haben willst? Und dann seinen Namen von der Produktion zurĂŒckziehen :biggrinn:
Das man sich soweit herablÀsst und sich sowas schön redet weils grade angesagt ist, das werd ich nie nachvollziehen können, dazu bin ich viel zu eigensinnig.

Beim Bodo glaub ich gern, dass der damals, wo er ja noch neu bei Eloy war, noch nicht das richtige GefĂŒhl dafĂŒr hatte und das erst sich entwickeln mußte. War halt mein Pech sie ausgerechnet damals zu sehen.

Der Schluß von "Tides" ist natĂŒrlich nicht zwingend notwendig, aber eine sehr, sehr gute Idee. Aber ich bin auch generell Wiederholungen in der Musik sehr aufgeschlossen gegenĂŒber, weil der Mantraeffekt nunmal sehr sinnvoll ist um Wirkung zu erzielen, das betrifft ja GesprĂ€che wie auch Bilder, KlĂ€nge usw. usf.
NatĂŒrlich hör ich trotzdem genau hin ob das nur passiert weil dem Musiker nix mehr eingefallen ist, aber bei "Tides" hört man ĂŒberdeutlich die Idee, dass die Band sich nun zurĂŒcknimmt, das ausplĂ€tschern lĂ€sst und die MĂ€dels ĂŒbernehmen den Effekt der ewigen Wiederkehr der Gezeiten. Von den Eloy-StĂŒcken seit den 90ern definitiv ein Topfavorit von mir.

"Ocean II" ist druckvoll, wie du sagst, und das mag ich nicht und bei derartiger Musik schon gar nicht. Aber generell mag ich es nicht wenn der Eindruck des Druckvollen durch den Sound und nicht durch die Energie der Band entsteht. Ich empfinde so manches aus den 70ern oder 80ern als druckvoll, wo heutige Hörer den Kopf schĂŒtteln wĂŒrden weil sie es als lahm empfinden. Ich rede aber von der Musik sie vom Sound.

Soundtechnisch ist mir "Ocean II" zu aufgeblasen, End 90er Produkt halt, wo selbst Rush meinten sie mĂŒssten dir die Ohren wegschießen. Da hat dann eben Bornemann, wohl durch seine Hard & Heavy ProduzententĂ€tigkeit, gemeint, das mĂŒsste auch so sein. Außerdem war sicher das Label GUN da auch dahinter, das waren ja Burschen aus dem Hartbereich, wo wir Kenner, die bei der BMG noch arbeiteten uns schon bei AnkĂŒndigung wunderten, dass ne neue Eloy ausgerechnet bei GUN erscheint, wo deren Produktionen doch eben eher in den Bereich "wuchtig, druckvoll" gehörten. Da gabs Diskussionen schon vorab, wie die wohl klingen wĂŒrde. Und dann klang sie auch - leider in meinen Ohren - auch so. Dem einen oder anderen hats so besser gefallen, Zeitgeist eben.

Überkandidelt ist ĂŒbrigens nix negatives bei mir, aufgebrezelt wie ne Frau die abends weggeht und extra viel an sich und mit sich macht, so in etwa.
Auf Musik bezogen also produziert bis in den letzten Beckenklang, mit Chören und zig Musikern und GastbeitrĂ€gen und/oder Orchester usw. einfach in die Vollen, das ist ĂŒberkandidelt fĂŒr mich.
"Ra" ist dagegen eine Frau die sich aufgedonnert hat, aber absolut kein GefĂŒhl dafĂŒr hat, was gut an ihr aussieht und was nicht. "Metromania" ist anders, so an der Kante des noch goutierbaren, die wird eindeutig noch von den guten Songs getragen, da kann der Sound noch nicht so viel anhaben. Bei "Ra" dagegen rettet nix mehr, bei "Destination" ists Ă€hnlich der "Metromania". Der Sound ist nicht wirklich Eloy und da die meisten Songs auch nur Durchschnitt sind bleibt da auch nicht viel.

Aber ĂŒberkandidelt mag Bornemann ja seine Produktionen seit lĂ€ngerer Zeit schon und das ist ihm auf der "The Sword And The Pyre" besser denn je gelungen, das ausgewogen hinzubekommen.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#21

Beitrag: # 50003Beitrag Vertigo
17.11.2018, 12:24

AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
16.11.2018, 17:26

1.) Ich habe nicht gesagt, dass ich das Original in jedem Fall mögen muß

2.) Vor allem könnten Bands dann theoretisch alle 10 Jahre ihre Songs neu aufnehmen, weil sich stÀndig irgendwas an der Studiotechnik und den Möglichkeiten Àndert oder die Musiker, die sowieso oft chronisch unzufrieden mit ihren eigenen Werken sind, plötzlich alles wieder ganz anders machen wollen.

3.) Es fĂŒhlt sich einfach nicht richtig an fĂŒr mich. Das Original ist nun mal so wie es ist, da steht man dann zu, auch wenn es total entsetzlich klingt und man theoretisch mit einer Neuaufnahme alles besser machen könnte.
zu 1.) Ich auch nicht ;) Ich meinte mit "so wie du es magst" dass du es magst, dass das Original nicht angetastet wird, nicht dass dir dieses Original auch zwingend gefÀllt

zu 2. und 3.) Ja könnten sie und warum nicht? Wie gesagt, solange das Original nicht zerstört, gelöscht, anderweitig unwiederbringlich verĂ€ndert wird, warum nicht? Warum soll ich als Musiker nicht nach 10 Jahren sagen können, "schaut mal, so wĂŒrde ich das heute machen"? Oder als Autor, als Maler usw. usf., Selbstreflektion darf doch auch ein Werk das man erstellt hat betreffen. Das hat auch ĂŒberhaupt nix mit "nicht mehr zu sich stehen" zu tun. Das wĂ€re es, wenn man das Original verĂ€ndern wĂŒrde und es danach nicht mehr da wĂ€re. Das wĂ€re ein "nicht mehr zu sich stehen", wenn ich versuche, dass das ja niemand noch irgendwo hören oder sehen kann, was ich da gemacht habe.

Es geht auch gar nicht darum etwas besser zu machen. Das ist zum einen sowieso völlig relativ und zum anderen gleichzeitig irrelevant. Es geht nur darum etwas heute anders zu machen, als ich es vor X Jahren getan habe. Da kann der Auslöser die Technik sein, klar. Es gibt neue Technik und die find ich so geil, dass ich das Album neu einspielen will damit. Das wĂ€re ein in meinen Augen armseliger Auslöser dafĂŒr. Oder MarketinggrĂŒnde als Auslöser. DarĂŒber braucht man nicht mal diskutieren, armseliger gehts nimmer, als "lass es uns auf heute trimmen, dann verkaufts vielleicht wieder besser".
Es kann aber auch die persönliche VerĂ€nderung des Musikers selber sein. Er ist vielleicht heute entspannter, sieht manches nicht so eng, andere Dinge als damals sind ihm wichtig und da mag er das Album, das er sehr mag (oder gar nicht mehr mag) eben neu betrachten wie er heute die Welt betrachtet. Das finde ich in meinen Augen einen sehr schönen Auslöser fĂŒr so ne Neuaufnahme.
Ein Bild nach X Jahren neu zu malen ist z.B. eine Superidee. Damals war ich vielleicht in einer Rotphase. Alle Farbtöne mussten irgendwas rotes haben. Heute bevorzuge ich als Maler Blau und GrĂŒn, aber das alte Motiv bedeutet mir immer noch so viel. Also male ich es heute neu, in Blau und GrĂŒn. Zwei Bilder, selbes Motiv, reprĂ€sentieren einmal den KĂŒnstler mit 23 Jahren und einmal mit 38 Jahren. Phantastisch!

Eine Neubetrachtung nach einem gewissen Zeitraum ist völlig okay. Das Werk eines KĂŒnstlers soll ja immer auch lebendig bleiben und das wirds nicht, wenn mans nur museal betrachtet. Das der eine oder andere Fan damit bestimmte Emotionen verbindet ist klar, aber es wird ja auch niemand gezwungen sich dann so eine Neuaufnahme anzuhören und sich damit evtl. seine Emotionen zu versauen.

Wie ich schon erwĂ€hnte, nimm die klassische Musik. Kein Mensch dĂŒrfte die heute spielen, weil wir alle nicht wissen wie Mozart selber das spielte oder Beethoven oder Bach usw.
Wir haben die Notationen, wir haben Angaben zu den Tempi, den Stimmungen aber wir wissen trotzdem nicht wie das geklungen hat, dieses Original. Also darf mans heute auch nimmer aufnehmen. Denn jeder Dirigent wirds anders auffĂŒhren, obwohl sie alle nach denselben Noten agieren. Denn jeder Dirigent hat ein anderes Temperament.

Und nun sag mir warum das bei Pop- oder Rockmusik so "verboten" sein soll oder so schlecht oder wie auch immer du das genau empfindest. Ich finde jeder KĂŒnstler hat das Recht sein Werk einer Neubewertung zu unterziehen so oft er das will. Kaufen muß ich es deswegen ja noch lange nicht.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#22

Beitrag: # 50005Beitrag AusDemWegIchBinArzt
17.11.2018, 12:40

Vertigo hat geschrieben: ↑
17.11.2018, 12:03
AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
17.11.2018, 11:30
Du empfindest den Sound als ĂŒberkandidelt ? Also, das kann ich so nicht unterschreiben....unter ĂŒberkandidelt stelle ich mir definitiv was anderes vor. Überkandidelt, das ist fĂŒr mich soundmĂ€ĂŸig sowas wie "Ra" oder auch "Metromania", wobei mich das bei letzterer nicht sooo massiv stört, weil die Songs gut sind.

Sowohl "Ocean II" als auch "The Vision, The Sword And The Pyre" finde ich klanglich eigentlich sehr angenehm fĂŒr die Ohren. Druckvoll, ja, aber eben nicht too much, dafĂŒr warm und gut ausbalanciert. Als zu wuchtig-modern sehe ihn den Sound eigentlich nicht, da gibts ganz andere Beispiele.

Was "The Tides Return Forever" angeht....fĂŒr mich ist das nicht zwingend notwendig, die Aussage des StĂŒcks dadurch zu bekrĂ€ftigen, dass man den Refrain in Endlosschleife wiederholt. Ich bin sowieso kein Freund allzu hĂ€ufiger Wiederholungen und hier wurde das fĂŒr meinen Geschmack wirklich zu sehr ausgereizt. Ich könnte damit allerdings wahrscheinlich auch noch leben, wenn die Frauen das nicht in Grund und Boden krakeelen wĂŒrden. Das ist es, wo es bei mir dann endgĂŒltig aussetzt. Es gibt eigentlich kein anderes Eloy-StĂŒck, wo mich der - mitunter eh fragwĂŒrdige - Backgroundgsang so stört wie hier.

Bodo als Drummer war eigentlich keine Fehlbesetzung, ich denke, er mußte sich einfach auch erst etwas reinfinden in die Musik. GrundsĂ€tzlich ist er sehr vielseitig, hat auch einen sehr breitgefĂ€cherten musikalischen Geschmack. Keineswegs nur heavyÂŽ Zeugs, wie man vielleicht denken könnte. Und das was er dann spĂ€ter abgeliefert hat, z.B. auf "Visionary", finde ich sehr ordentlich, auch wenn da die Songs als solche nicht so der Bringer waren. Ich denke, Bornemann hat auch nicht ohne Grund an ihm so lange festgehalten. Da finde ich Kristof Hinz, der die letzte Scheibe eingetrommelt hat (warum eigentlich nicht Bodo ?) deutlich farbloser. Sicherlich spieltechnisch sauber, aber eben einfach blasser Durchschnitt.
Sowas wie "Ra" ist nicht ĂŒberkandidelt, sowas ist indiskutabel. Der Sound da (nicht die Songs) ist so grottenschlecht, dass ich mich immer noch wundere wie Musiker, die in den 70ern groß geworden sind, sich das jemals schön reden konnten. Mode hin Mode her, das ist einfach schlechter Sound. Nichts daran ist in irgendeiner Form ausgewogen. Alles ist randvoll mit Effekten und knallt und rumst.
NatĂŒrlich ist das indiskutabel. Du hast ja sehr schön an anderer Stelle den Vergleich mit der ĂŒbertrieben geschminkten und gekleideten Frau gezogen, die nicht merkt, was gut aussieht und was nicht. Das paßt schon. Aber fĂŒr mich besitzt der Begriff "ĂŒberkandidelt" schon eher eine negative Konnotation und ich wĂŒrde ihn dementsprechend da auch verwenden.

Bei "Ocean II" oder der letzten Scheibe wĂŒrde ich es eher als "auf dicke Hose machen" umschreiben - volles Programm bis in die letzte Ecke, aber eben auch wieder ausgewogen und nicht im negativen Sinne ĂŒberfrachtet, sprich ĂŒberkandidelt. Um beim Bild der Frau zu bleiben: Der Lippenstift und der Nagellack sind zwar knallig, aber die Kleidung ist noch stilvoll und elegant. Bei der ĂŒberkandidelten wĂ€ren dann auch die Klamotten unmöglich. :biggrinn:

Der Schluß von "Tides" ist natĂŒrlich nicht zwingend notwendig, aber eine sehr, sehr gute Idee.
Man hĂ€tte es auch weniger oft wiederholen und dann beispielsweise in Meeresrauschen ausklingen lassen können. Das hĂ€tte auch gepaßt. Ansonsten ist das StĂŒck nĂ€mlich toll, da stimme ich Dir zu. Der Schluß verdirbt fĂŒr mich einfach einiges. Die SĂ€ngerinnen hĂ€tte man auch ruhig ganz weglassen oder zumindest wesentlich dezenter einsetzen können, das wĂ€re nicht nötig gewesen.
Ich empfinde so manches aus den 70ern oder 80ern als druckvoll, wo heutige Hörer den Kopf schĂŒtteln wĂŒrden weil sie es als lahm empfinden.
.
Da bin ich wieder ganz bei Dir. Ich finde auch gerade viele der alten Hardrock-Sachen viel knackiger und musikalisch druckvoller, als viele heutige Produktionen, wo nur der Sound fett aufgeblasen wird und die Hörer so einen verzerrten Eindruck erhalten und dann meinen, die Bands seien heute ja viel heavier und das alte Zeugs nur lahmes Gedudel. Völlig verkehrter Ansatz. Aber mit Hörgewohnheiten ist es wie mit dem Geschmackssinn: Wenn du jahrelang nur Pudding mit GeschmacksverstĂ€rker und AromazusĂ€tzen gewohnt bist, kommt dir ein selbstgemachter "echter" Pudding ohne all diese Verfremdungen seltsam vor, weil dein Geschmack total verdorben ist. Und so ist das den Hörgewohnheiten vieler, vor allem jĂŒngerer Fans heute leider auch. Aber Eloy-Scheiben wie "Ocean II" fallen fĂŒr mich eben noch nicht darunter, da gibt es so viele heftigere Beispiele.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#23

Beitrag: # 50007Beitrag AusDemWegIchBinArzt
17.11.2018, 12:53

Vertigo hat geschrieben: ↑
17.11.2018, 12:24

Wie ich schon erwĂ€hnte, nimm die klassische Musik. Kein Mensch dĂŒrfte die heute spielen, weil wir alle nicht wissen wie Mozart selber das spielte oder Beethoven oder Bach usw.
Wir haben die Notationen, wir haben Angaben zu den Tempi, den Stimmungen aber wir wissen trotzdem nicht wie das geklungen hat, dieses Original. Also darf mans heute auch nimmer aufnehmen. Denn jeder Dirigent wirds anders auffĂŒhren, obwohl sie alle nach denselben Noten agieren. Denn jeder Dirigent hat ein anderes Temperament.

Und nun sag mir warum das bei Pop- oder Rockmusik so "verboten" sein soll oder so schlecht oder wie auch immer du das genau empfindest. Ich finde jeder KĂŒnstler hat das Recht sein Werk einer Neubewertung zu unterziehen so oft er das will. Kaufen muß ich es deswegen ja noch lange nicht.

Der Vergleich mit den klassischen Komponisten hinkt aber insofern, als dass diese eben in der Regel auch "nur" das waren: Komponisten.
AufgefĂŒhrt und interpretiert wurden ihre Werke dagegen meistens von Beginn an durch andere und insofern gab es da sowieso nie nur eine
bestimmte Version, denn wie Du richtig sagst, hat jeder Dirigent ein anderes Temperament, betont andere Akzente. Zudem konnten zu
Lebzeiten dieser Leute ihre Werke sowieso nur einem beschrÀnkten Kreis an Zuhörern zugÀnglich gemacht werden, da es keine TontrÀger und
keine sonstigen Medien gab, die es festhalten und großartig verbreiten konnten.

Bei Werken von Rock-oder Popmusikern hingegen sind eben die Band bzw. deren Mitglieder gleichzeitig Komponisten und Auf-/AusfĂŒhrende
und da gibt es dann eben eine bestimme Urversion, wenn man so will, die auf einem TontrÀger festgehalten wird. Und die findet Verbreitung
und ist dann fortan das Maß der Dinge, an dem alles andere gemessen wird. Das besitzt von vorneherein eine andere Gewichtung.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Benutzeravatar

Vertigo
BeitrÀge: 16539
Registriert: 18.05.2017, 11:24
Wohnort: MĂŒnchen
Hat sich bedankt: 5956 Mal
Danksagung erhalten: 3006 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#24

Beitrag: # 50011Beitrag Vertigo
17.11.2018, 13:32

AusDemWegIchBinArzt hat geschrieben: ↑
17.11.2018, 12:40

1.) Bei "Ocean II" oder der letzten Scheibe wĂŒrde ich es eher als "auf dicke Hose machen" umschreiben

2.) Man hÀtte es auch weniger oft wiederholen und dann beispielsweise in Meeresrauschen ausklingen lassen können.

3.) Die SÀngerinnen hÀtte man auch ruhig ganz weglassen oder zumindest wesentlich dezenter einsetzen können, das wÀre nicht nötig gewesen.

4.) Vergleich mit den klassischen Komponisten hinkt aber insofern, als dass diese eben in der Regel auch "nur" das waren: Komponisten.
AufgefĂŒhrt und interpretiert wurden ihre Werke dagegen meistens von Beginn an durch andere.

5.) Bei Werken von Rock-oder Popmusikern hingegen sind eben die Band bzw. deren Mitglieder gleichzeitig Komponisten und Auf-/AusfĂŒhrende und da gibt es dann eben eine bestimme Urversion

6.) Wenn du jahrelang nur Pudding mit GeschmacksverstÀrker und AromazusÀtzen gewohnt bist, kommt dir ein selbstgemachter "echter" Pudding ohne all diese Verfremdungen seltsam vor, weil dein Geschmack total verdorben ist.
zu 1.) Ja das passt sehr schön, auf dicke Hose machen. Auch was das ich nicht so gern mag, aber ab und an verzeihbar ist. Und wie gesagt, ich hab die Labeltypen ja kennengelernt, die waren beide dickhosig :mrgreen: und vermutlich dauernd, die haben Bornemann das also sicherlich auch so angetragen und er war damals dafĂŒr empfĂ€nglich

zu 2.) Das wÀre zwar auch eine klanglich schöne Idee gewesen mit dem Meeresrauschen, aber auch eine ungleich klischeeartigere. Auf die Idee mit dem Meer wÀren vermutlich alle Durchschnittsmusiker auch gekommen. Die Idee, das mittels des Damengesangs zu vermitteln ist ungewöhnlicher, eigenstÀndiger.

zu 3.) TatsĂ€chlich sind es die SĂ€ngerinnen, weil sie hier richtig Gas geben, dass mir das StĂŒck ĂŒberhaupt mal positiv auffiel. Ich hatte die "Tides" nie, hab das StĂŒck damals im Konzert gehört und da bliebs eher unterbewusst hĂ€ngen, weil ich ja, wie gesagt, vom ganzen Konzert eh nicht so begeistert gewesen war.

Als ichs dann auf der "Reincarnation" wiederhörte kam der Erkennungseffekt. Das war doch das StĂŒck wo die SĂ€ngerinnen dann alleine so richtig Gas geben, das ist klasse. Und gleich nochmal von vorne hören und nun viel konzentrierter auch auf die Musik. Und danach mir die Studioversion im Netz holen ums auf meinen Eloy Sampler zu packen. Ohne die Damen und ihren intensiven Gesangsvortrag wĂ€re mir das wohl nie hĂ€ngengeblieben, denn so und nur so fĂ€llts auf. Mit Meeresrauschen am Ende, sowas kennt man und sowas wĂ€re nicht ungewöhnlich gewesen. Hier den MĂ€dels den Vortritt gegen Ende des StĂŒckes zu lassen, war nicht nur ne sehr faire Geste vom Bornemann um die auch mal sinnvoll ins Rampenlicht zu stellen, es war auch die nötige pfiffige Idee um eben nicht einfach sowas wie Meeresrauschen zu nehmen.
Da hĂ€tte er lieber beim einen oder anderen sonstigen StĂŒck die MĂ€dels ganz weglassen können, wo sie keinen essentiellen Beitrag dazu liefern. Bei "Tides" wird das StĂŒck durch deren Gesang nochmal auf ne andere Ebene gehoben und so sind Background-Ladys fĂŒr mich wirklich sinnvoll eingesetzt, indem man ihre Stimmen als weitere Klangfarbe benutzt.

zu 4.) Ich kann dir jetzt nicht alle aufzÀhlen, aber es gab genug Komponisten die ihre Werke selber dirigiert haben. Es gibt nur keine Tonaufzeichnungen davon weil das ja damals nicht möglich war.

zu 5.) Richtig, AuffĂŒhrende und Komponierende sind da in der Regel dieselben. Dass die zuerst veröffentlichte Aufnahme eines Pop- oder RockstĂŒcks meistens die Urversion darstellt (aber auch da gibts FĂ€lle wo das nicht so ist) seh ich schon auch so. Aber was genau ist daran nun ein Pro- oder Contraargument gegen eine Neuaufnahme?

zu 6.) Das ist in der Tat so, ja. Deine Gewohnheiten prĂ€gen deinen Geschmack, bei allem was du tust. Wer immer nur den Sound von heute hört, wird den von frĂŒher nie zu schĂ€tzen wissen. Hat aber auch das Leben nicht verstanden, wie ich dann zu sagen pflege, denn die Generationen vor einem sind immer dazu da um von ihnen zu lernen, das ist ein Grundprinzip des Lebens. Wer das außen vor lĂ€sst, hat nix verstanden.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

Benutzeravatar

Topic author
AusDemWegIchBinArzt
Administrator
BeitrÀge: 16336
Registriert: 14.05.2017, 09:06
Wohnort: King Ludwig Country
Hat sich bedankt: 3799 Mal
Danksagung erhalten: 3949 Mal
Kontaktdaten:

Re: [PORTRAIT] Eloy

#25

Beitrag: # 50013Beitrag AusDemWegIchBinArzt
17.11.2018, 13:59

Vertigo hat geschrieben: ↑
17.11.2018, 13:32


zu 2.) Das wÀre zwar auch eine klanglich schöne Idee gewesen mit dem Meeresrauschen, aber auch eine ungleich klischeeartigere. Auf die Idee mit dem Meer wÀren vermutlich alle Durchschnittsmusiker auch gekommen.
Okay, gebe ich gerne zu, diese Idee ist sicherlich nicht ganz so ungewöhnlich und bedient vermutlich in der Tat eher eine gewisse Klischeevorstellung. Aber es hĂ€tte ja kein Meeresrauschen sein mĂŒssen, es gibt ja auch andere GerĂ€uschkulissen, die da einen Bezug herstellen und nicht ganz so Klischeeartig anmuten. Beispielsweise das Gluckern der Priele bei Ebbe, was ich mal vor lĂ€ngerer Zeit ansprach und erklĂ€rte, als Du mich fragtest was man sich darunter vorstellen könne. Vielleicht noch begleitet vom Kreischen der hungrig kreisenden Möwen. Da ist sogar ein ganz konkreter Bezug zum Thema, ohne dass es etwas wĂ€re, wo jede Durchschnittsmusiker drauf kĂ€me.

zu 3.) TatsĂ€chlich sind es die SĂ€ngerinnen, weil sie hier richtig Gas geben, dass mir das StĂŒck ĂŒberhaupt mal positiv auffiel. Ich hatte die "Tides" nie, hab das StĂŒck damals im Konzert gehört und da bliebs eher unterbewusst hĂ€ngen
Genau dieses "Gas geben" ist mir viel zu aufdringlich und penetrant, das paßt fĂŒr mich einfach ĂŒberhaupt nicht zum ansonsten eher ruhigen und getragenen Duktus des StĂŒckes. Wenn sie leiser im HIntergrund wĂ€ren, flĂŒsternder sozusagen, das könnte die AtmosphĂ€re meiner Ansicht nach viel wirkungsvoller unterstreichen, wenn es denn schon Backgroundgesang sein muß.
Aber was genau ist daran nun ein Pro- oder Contraargument gegen eine Neuaufnahme?
Es ging mir gar nicht um pro/contra, sondern erst mal einfach nur um die Feststellung. Und, wenn man den Faden dann tatsĂ€chlich weiterspinnt, darum, dass eben Werke klassischer Komponisten, von denen es gewissermaßen nur sehr selten "die eine" Version gab aufgrund der geschilderten BegleitumstĂ€nde, von vorneherein prĂ€destinierter waren fĂŒr interpretetatorische VerĂ€nderungen und diese dadurch auch von vorneherein eher Bestandteil des ganzen waren / sind, als dieses eben meinetwegen bei RockstĂŒcken der Fall ist, wo durch die Tatsache, dass Musiker und Komponisten dieselben sind und alles von vorneherein in festgelegter Form auf einen TontrĂ€ger gepresst wird, einfach ein anderer gedanklicher Zugang dazu entsteht.

Damit sage ich nicht, dass Rockmusiker nicht das Recht hĂ€tten, ihre eigenen Werke zu ĂŒberdenken und neu einzuspielen. Es ist aber problematischer, dafĂŒr eine gewisse Akzeptanz zu finden, vor allem, wenn sich dann am Ende das neue Werk vielleicht sogar grundlegend von der frĂŒheren, bekannten und sozusagen eingebrannten Version unterscheidet. Und es hat dann eher den Charakter, als wĂŒrde eine Band sich selber covern. Ich weiß nicht, ob Du meinem Gedankengang da einigermaßen folgen kannst ? Ist auch etwas schwer zu erklĂ€ren.
zu 6.) Das ist in der Tat so, ja. Deine Gewohnheiten prĂ€gen deinen Geschmack, bei allem was du tust. Wer immer nur den Sound von heute hört, wird den von frĂŒher nie zu schĂ€tzen wissen. Hat aber auch das Leben nicht verstanden, wie ich dann zu sagen pflege, denn die Generationen vor einem sind immer dazu da um von ihnen zu lernen, das ist ein Grundprinzip des Lebens. Wer das außen vor lĂ€sst, hat nix verstanden.
Da fĂ€llt mir dann immer Stellar als stellvertretendes Negativbeispiel ein, die unkritisch alles abfeiert was neu ist und sich irgendwie nach Langweiler-Neo Prog oder Steven Wilson anhört und offen erklĂ€rt, der alte Scheiß wie Purple oder Tull wĂŒrde sie nicht die Bohne interessieren. Und sie hat sich ja schon damals zu unserer Zeit sehr ignorant diesbezĂŒglich gezeigt. Da kann ich nur ganz trocken sagen: Wer sich nicht mit der Vergangenheit beschĂ€ftigt, kann auch die Gegenwart nicht angemessen beurteilen. Und gerade in der Musik ist das ZurĂŒckverfolgen zu den Wurzeln fĂŒr mich maßgeblich.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

Antworten
  • Vergleichbare Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag