[REVIEW] Emmylou Harris - Wrecking Ball (1995)

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[REVIEW] Emmylou Harris - Wrecking Ball (1995)

Beitrag: # 136722Beitrag Oracle
28.12.2022, 23:22

Emmylou Harris........... Sie hat mein Herz mit ihrem wunderschönen Song "Boulder To Birmingham" aus dem Album -Pieces of the Sky- gestohlen.
Ich kannte bereits "Roses in the Snow" und "Cimarron", aber jedes Mal war es mir ein bisschen zu countrylastig, so dass ich mir die Stücke herauspicken musste, die mich fesselten.
Wohlgemerkt: Ich habe nichts gegen Country-Einflüsse, aber reinen Country mag ich viel weniger.
Damals kaufte ich dieses Album also nicht wegen Emmylou, sondern weil ich total auf den berauschenden Sound, den Daniel Lanois auf die Platten von U2, Peter Gabriel, Robbie Robertson, den Neville Brothers, Bob Dylan und auf seine unübertroffenen ersten beiden Soloplatten gebracht hatte, abfuhr.
Dieses Album hat mir schließlich ganz neue Türen geöffnet, weil ich dank dieser Scheibe weitere Favoriten wie Lucinda Williams, Gillian Welch und Steve Earle entdeckt habe.
1992 war mein Einstieg durch die Jayhaws in die Americana/Roots-Musik, der Beginn einer neuen "Ära" in der Entwicklung meines Musikgeschmacks.

Bei der düsteren Atmosphäre dieses Albums erweist sich Harris Stimme für meinen Geschmack als wunderbar passend, ohne sich mir zu widersetzen oder zu nerven.
Ich kann verstehen, dass man sich an der detaillierten und atmosphärischen Produktion und/oder dem Fehlen von so etwas wie einem "Country-Sound" stört.
In den Album-Credits findet man eher einen "Chanter", einen "Sci-Fi-Synth" oder eine "indische Handtrommel" als eine Steel-Guitar oder eine Violine.
Inmitten all dieser mysteriösen Klangfarben behauptet sich Harris dank ihres lebendigen Gesangs und der ausgezeichneten Auswahl an starken und melodischen Kompositionen aber mit Leichtigkeit.

Die große Frage des Lebens wird in dem schwungvollen Opener "Where Will I Be?" kurz gestreift.
Der natürliche Gesang Emmylou's, aber auch die fröhliche musikalische Begleitung macht hier eine frische wie an einem Frühlingstag.
Ein Song, der sich nur geringfügig vom Rest des Albums unterscheidet, ohne deplatziert zu sein.
Bei Steve Earles Goodbye wird sie regelmäßig von der Musik übertönt und ist manchmal fast nicht zu verstehen, aber dafür hat man ja das Textblatt erfunden.
Goodbye hat das himmlische Etwas, dass auch ein Album wie The Joshua Tree von U2 hat, zumindest strahlt es die gleiche Stimmung aus.
Das hat zweifellos mit der Produktion von Daniel Lanois zu tun. Larry Mullen ist hier der Schlagzeuger, also tadaaaaaaaaa. Super Song!
All My Tears hat einen dieser wunderbar dramatischen Sounds, eine dunkle Stimmung, die diesem Song etwas schwer Fassbares gibt.
Dann ein Neil-Young-Song, bei dem auch der Meister selbst mitsingt: Wrecking Ball. Mullen legt einen subtilen Groove darunter und sobald Neil mitsingt, erkennt man den Song unter Tausenden wieder (zu finden auf Youngs Album "Freedom").
Die Stimmen passen perfekt zueinander, ohne dass es dem Original schadet, melancholisch und wunderschön.
Goin' Back to Harlan ist ein Song von Anna McGarrigle.
Ihr Stil ist in diesem Stück auf jeden Fall sehr gut erkennbar, und ich mag es, wie ich die McGarrigles im Allgemeinen auch mag.
Der Gesang ist leicht schneidend und Emmylou schafft es, McGarrigles Stil in diesem Song, gut umzusetzen.
Ein geheimnisvoller Song, der immer wieder aufs Neue überrascht.
Deeper Well wurde von Harris mitverfasst. Bemerkenswerterweise ist das nicht gerade ein Country-Song.
Er hat eine knurrende, bedrohliche Atmosphäre, und sie setzt ihre Stimme auf ganz andere Weise ein als sonst.
Nicht die liebliche Emmylou, in die ich mich verliebt habe, aber eine, die ich in diesem Track sehr mag.
Daniel Lanios kommt mit seinem elektrischen Gitarrenspiel richtig gut zur Geltung.
Every Grain of Sand holt einen schnell aus diesem Traum heraus, denn dieser Song klingt viel traditioneller.
Ein wundervoller, fröhlicher Song, gesungen mit gelegentlicher Schärfe.
Einfach, aber effektiv, und es geht ein bisschen mehr in die Richtung von Countryrock-Songs, die ich sehr schätze.
Auf Sweet Old World kehrt Neil Young zurück und singt mit süßer Stimme eine traditionell klingende Ballade.
Der beste Teil hier ist das Outro mit der feinen Mundharmonika, wo man sich in das Szenario des Songs hineinversetzt.
Es zeigt einmal mehr, dass es nicht immer Worte braucht, um Gefühle zu beschreiben.
May This Be Love ist eine Coverversion von Jimi Hendrix und einer meiner Lieblingssongs von Hendrix.
In einem solchen Fall ist die Schlacht natürlich von vornherein verloren.
Man muss sich von dem ursprünglichen Track lösen und es objektiv anhören und es entpuppt sich als ein bemerkenswerter Song: eine dicke Wand aus Gitarren (fast ambient), Gesang von Harris und Lanois und noch ein bisschen U2-Sound dazu.
Der Song hat fast etwas Beschwörendes, welch ein Kontrast zum vorherigen Stück! Gut gemacht, ich kann es nicht anders sagen! Dunkel, fett und sägend! (Meine Boxen hüpfen fast buchstäblich durch mein Musikzimmer, wirklich cool)
Orphan Girl klingt sofort versöhnlicher und schöner, mit dem Tamburin und der brillanten, fast repetitiven Begleitung entdeckt man den Gillian Welch-Song neu.
Auch hier singt Harris wieder auf eine Weise, die mein Herz zum Schmelzen bringt.
Blackhawk zeichnet sich durch wunderschöne Gitarrenarbeit aus und hat einen ähnlichen Vibe, wie ich ihn von U2 in den späten 80ern kenne, was sicher kein Fehler ist.
Auch der Gesang ist wieder stark.
Der melancholische, von Harris selbst geschriebene Waltz Across Texas Tonight ist der Schlusssong dieser Spitzen-Scheibe. Der Song atmet ein wenig mehr Folk.
Ein schöneres, harmonischeres Ende hätte es für diese LP nicht geben können.

Das Album hat durchgehend eine gleichmäßige Atmosphäre.
Wenn man es mit ihren früheren Werken vergleicht, ist es natürlich ganz anders, so dass einige Fans nicht damit klarkamen oder bis heute nicht klarkommen.
Es ist aber ein gewagter Schritt, der sich gelohnt hat.
Ich würde 'Wrecking Ball' als meinen Lieblingssong auf dieser LP bezeichnen.
Die Art, wie sie die Zeile "but I won't telephone 'cause you might say 'hello'" singt, ist unbeschreiblich schön.
Oder wie wäre es mit dem traurigen 'Sweet Old World' das lange Zeit mein Favorit war
Emmylou Harris ist mit Wrecking Ball ein Top-Album und meiner Meinung nach auch eines ihrer stärksten in ihrem Oeuvre. (Wobei ich nicht alles von ihr kenne)
Ich weiß, dass einige Leute dieses Album für überproduziert halten, was gut nachvollziehbar ist.
Für mich ist der übermächtige Sound jedoch die Stärke von Wrecking Ball und schmälert in keiner Weise die Kraft der Texte oder die Einzigartigkeit ihrer Stimme.

Bild

1. "Where Will I Be" (with Daniel Lanois) -Daniel Lanois- 4:15
2. "Goodbye" -Steve Earle- 4:53
3. "All My Tears" -Julie Miller- 3:42
4. "Wrecking Ball" -Neil Young- 4:49
5. "Goin' Back to Harlan" -Anna McGarrigle- 4:51
6. "Deeper Well" -David Olney, Lanois- 4:19
7. "Every Grain of Sand" -Bob Dylan- 3:56
8. "Sweet Old World" -Lucinda Williams- 5:06
9. "May This Be Love" (with Daniel Lanois) -Jimi Hendrix- 4:45
10. "Orphan Girl" -Gillian Welch- 3:15
11. "Blackhawk" -Daniel Lanois- 4:28
12. "Waltz Across Texas Tonight" -Rodney Crowell, Emmylou Harris- 4:46


Emmylou Harris –
vocals, acoustic guitar on 3 5 7 10 11 12, harmony vocals on 10
Daniel Lanois –
mandolin on 1 2 3 5 8 10 11 12, electric guitar on 1 2 3 4 6 8 9 11 12, acoustic guitar on 2 7 11, bass on 1 3, dulcimer on 10, duet vocals on 1 9, chant vocals on 3, percussion on 4, bass pedals on 8
Malcolm Burn –
piano on 2 4 8 11 12, tambourine on 4 10 11, vibes on 4, organ on 5 7, synthesizer on 5, keyboards on 6, slide guitar on 8 12, bass on 11, drums on 11, harmony vocals on 11
Larry Mullen Jr. –
drums on 2 3 4 6 7 8 9 12, cymbal on 4, hand drum on 10
Tony Hall –
percussion, bass on 2 4 6 7 12, stick drum on 10
Daryl Johnson –
high harmony vocals on 1, tom tom on 1, drum kit bass pedals on 5, backing vocals on 5, harmonic bass on 6, harmony vocals on 10


Brian Blade – drums on 1, Indian hand drum on 5
Steve Earle – acoustic guitar on 2 7 8
Sam O'Sullivan – roto wheel on 4
Neil Young – harmony vocals on 4 8, harmonica on 8
Kufaru Mouton – extra percussion on 5
Lucinda Williams – acoustic guitar on 8
Richard Bennett – tremolo guitar on 8
Anna McGarrigle – harmony vocals on 12
Kate McGarrigle – harmony vocals on 12
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Re: [REVIEW] Emmylou Harris - Wrecking Ball (1995)

Beitrag: # 136731Beitrag Vertigo
29.12.2022, 10:25

Eins der schönsten Alben in meiner Americana-Sammlung!

Ich kam aufgrund ähnlicher Mischung zu der Scheibe. Ich mochte Harris' Stimme immer schon sehr (ich liebe "Rose Of Cimarron") aber traute mich damals noch nicht so richtig an Country ran. Ich mochte schon Daniel Lanois' verhuschten Sound, diese eigenartig verwaschene Stimmung die er zaubert. Und dann war ich da schon Steve Earle Hörer und hatte irgendwo gelesen wie hin- und weg Steve von Emmylou ist. Da waren also drei Punkte die mich recht neugierig machten.

Bei der Platte weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. "Going Back To Harlan", "Where Will I Be", "The Maker" (oh was für eine schöne Basslinie, coverte auch die DMB später dann), "Deeper Well", gleich vier Songs die ich rausschüttle ohne erst die Trackliste oder dein Posting bis zuende zu lesen. Gutes Zeichen.

Das darauf folgende Livealbum "Spyboy" hab ich dann schon sofort blind gekauft und es ist ebenso stark. Drei weitere Emmlyou Alben der folgenden Jahre haben ihren Weg auch zu mir gefunden und an die Country-Emmlyou werde ich mich bald mal wagen
...und es ward geschrieben, die Weißwurst ist mächtiger als das Schwert!
(Linksschreibweisheit des Wegebners Sir Vertigo von Bavarien)


"You Have To Limit Yourself To Create A Framework" (Bob Dylan)

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Re: [REVIEW] Emmylou Harris - Wrecking Ball (1995)

Beitrag: # 136735Beitrag Oracle
29.12.2022, 10:50

war mir nicht bewusst, dass du auch ein Riesenfan von Wrecking Ball bist.
Andererseits wundert es mich auch nicht.
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Re: [REVIEW] Emmylou Harris - Wrecking Ball (1995)

Beitrag: # 136738Beitrag Vertigo
29.12.2022, 11:31

Grade fiel mir ein, da ist ja auch "Goodbye" drauf. Ein garantiert hundertprozentiger Tränenzieher bei mir. Habs noch nicht einmal gehört, ohne dass mir die Tränen runterliefen, so anrührend find ich das. Drum verdränge ich das wohl gerne und hau erst die anderen Songs raus, dabei gehört "Goodbye" ganz vorne mit dazu.
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(Linksschreibweisheit des Wegebners Sir Vertigo von Bavarien)


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