[REVIEW] Iron Maiden - "The X-Factor" (1995)

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AusDemWegIchBinArzt
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[REVIEW] Iron Maiden - "The X-Factor" (1995)

Beitrag: # 90389Beitrag AusDemWegIchBinArzt
06.03.2021, 09:07

Iron Maiden - "The X-Factor" (1995)

In den 90er Jahren brach eine schwierige Phase für die eisernen Jungfrauen an. Nachdem 1990 zunächst Gitarrist Adrian Smith das Flagschiff des britischen Heavy Metal verlassen hatte, wurde drei Jahre später auch Frontsirene Bruce Dickinson der Gruppe überdrüssig und verkündete seinen Ausstieg.

Als hätte das nicht schon für genug Turbulenzen gesorgt, beschloß Stammproduzent Martin Birch just eben zum gleichen Zeitpunkt, in Frührente zu gehen. Somit standen Steve Harris und seine verbliebenen Mannen innerhalb kurzer Zeit vor einem Haufen Probleme und niemand wußte zunächst so recht, ob und vor allem wie es weitergehen würde.

Speziell der Verlust von Bruce bereitete dabei gehöriges Kopfzerbrechen, war er doch zu einer absoluten Identifikationsfigur für viele Fans geworden, hatte den Sound von Maiden seit 1982 massiv mitgeprägt und einige der wegweisendsten und erfolgreichsten Maiden-Alben der letzten Jahre eingesungen, was Maiden zu einer der größten Heavy Metal-Bands hatte werden lassen. Und das völlig zu recht. Die Erfolgsbilanz las sich durchaus beachtlich.

Schließlich fand man einen Weg und rekrutierte unter etlichen Bewerbern (darunter vielversprechende Leute wie ex-Tygers Of Pan Tang-Mann Jon Deverill oder Helloweens Michael Kiske) den bei Wolfsbane in Lohn und Brot stehenden Blaze Bailey als neuen Sänger - man kannte sich bereits von einer gemeinsamen Tournee mit Wolfsbane im Jahr 1990.

Diese Entscheidung wurde allerdings von Anfang an durch gewisse Zweifel und Skepsis seitens vieler Fans begleitet und das war leider auch nicht unbegründet, wie sich später zeigen sollte. Aber sie war nun mal getroffen worden und Steve hielt daran fest, also beschloß man, der Band und ihrem Neuling eine Chance zu geben - wohlwissend, dass es kein Spaziergang werden würde, die Spuren auszufüllen die Bruce hinterlassen hatte.

Selbst Bruce-Vorgänger Paul Di´Anno, der die ersten beiden Alben eingesungen hatte, stand deutlich höher im Kurs bei den meisten Fans. Nicht unbedingt wegen seiner (limitierten) stimmlichen Fähigkeiten, aber ganz klar aufgrund seines durch prolligen Charme bedingten Charismas und seiner einmaligen Bühnenpräsenz.

Kurzum: Eigentlich egal, wer nun der neue Maiden-Sänger wäre, er würde es definitiv schwer haben dieses Erbe anzutreten. Aber dass es nun ausgerechnet Blaze wurde, sorgte wie gesagt für zusätzliches Stirnrunzeln.

Kaum in der Band, wurde Blaze allerdings durch einen Motorradunfall längere Zeit außer Gefecht gesetzt, so dass sich die Arbeiten am nächsten Studioalbum zwangsläufig etwas verzögerten. Als das neue Album unter dem Titel "The X-Factor" im Oktober 1995 schließlich nach längerer Wartezeit erschien, war die überwiegende Reaktion der dürstenden Fans ungewohnt verhalten.

Aus gutem Grund: Das Album irritierte in mehreren Punkten. Auch ich, leidenschaftlicher Fan der Band seit Mitte der 80er (ich denke, wirklich guten Gewissens behaupten zu dürfen, dass Maiden DIE musikalische Liebe meines Lebens sind !), kaufte "The X-Factor" erwartungsfroh direkt bei Erscheinen und war dann quasi aus dem Stand ziemlich lange sehr enttäuscht von der Scheibe, wobei sie bei mir heute allerdings ein gutes Stück besser wegkommt als seinerzeit und ich manches differenzierter betrachten kann.

Aber ich hatte damals einfach stärkeres Material, eine durchgängig überzeugendere Gesamtverfassung erwartet. Der Eindruck, dass diese Erwartungen bei allem Wohlwollen nicht richtig erfüllt werden konnten, legte auf meiner Gefühlsebene für Jahre einen ziemlich bitteren Schleier über den Longplayer.

Wobei sich manche Fachpublikationen natürlich trotzdessen mit Lobeshymnen überschlugen und teilweise vom besten Album seit "Somewhere In Time" oder "Seventh Son Of A Seventh Son" fabulierten - aber diese Freudentänze einiger Musikjournalisten, mit rosaroter Brille geäußert in der Anfangseuphorie über ein neues Maiden-Album, ließen sich natürlich sachlich nicht wirklich halten.

Da war zum einen die Länge - eine Krankheit, die auch schon den Vorgänger "Fear Of The Dark", noch mit Bruce hinterm Mikro, befallen hatte und eindeutig dem nun blühenden CD-Zeitalter geschuldet war.

Ähnlich wie bei "Fear Of The Dark" packte man viel zu viel Material auf die Scheibe. Lauter Durchschnitts- und Füllware, die man in der LP-Ära wenige Jahre zuvor entweder gleich in die Tonne getreten oder zumindest nur für B-Seiten verwendet hätte. Und genau diese Songs zogen die Highlights, die es wie auf jedem Maiden-Album hier natürlich auch gab, mit in den Abgrund und verwässerten dadurch das Gesamtniveau der Scheibe.

Als nächstes dominiert ein für Maiden ungewohntes, düsteres und stellenweise fast schon depressiv anmutendes Gesamtfeeling, welches sich über das gesamte Album erstreckt. Wenig Leichtfüßigkeit, aber viel Melancholie. Was sich aber zumindest damit erklären ließe, dass den Musikern die Trennung von Bruce und die Probleme der letzten Jahre noch ziemlich in den Knochen steckten und Steve Harris darüberhinaus privat an einer schwierigen Scheidung zu knacken hatte, die einen zusätzlichen Schatten über alles warf. Nein, die 90er waren wirklich nicht die beste Zeit für die Band.

Was wirklich fast noch schwerer wiegt, sind vor allem zwei weitere Aspekte: Zum einen zeigte sich auf dem Album nicht nur sehr schnell, dass Blaze - was ja grundsätzlich zu erwarten gewesen war - ziemlich anders klang als Bruce, sondern vor allem und viel schlimmer, dass er dem Songmaterial an vielen Stellen stimmlich nicht richtig gewachsen war. Er klingt in weiten Teilen des Albums angestrengt und gequält, manchmal sogar geradezu neben der Spur, was man von Bruce zuvor nun so gar nicht kannte.

Das war aber keineswegs alleine die Schuld des an sich grundsympathischen Blaze, der nach dem zuletzt äußerst lustlosen Bruce deutlich motivierter auftrat und seinen neuen Bandkollegen zumindest mental wieder einen Energieschub verpaßte.

Aber die Band hatte es schlicht versäumt, das neue Songmaterial an die Stimme von Blaze anzupassen, der sich nun mehr schlecht als recht abmühte. Ich finde es bis heute unfassbar und total seltsam, dass das im Studio niemandem aufgefallen ist und keiner sagte: "Moment, Stop mal, so geht das aber nicht !".

Und damit sind wir gleich beim nächsten Kritikpunkt, nämlich dem Fehlen von Martin Birch, der es unerwartet vorgezogen hatte sich ins Privatleben zurückzuziehen. Martin Birch wäre mit Sicherheit das benötigte Korrektiv mit gesunden Ohren und vor allem auch der notwendigen Autorität gewesen, um der Band und vor allem dem betriebsblinden Steve zu zeigen, wo Dinge falsch laufen und welche Fehler vermieden bzw. korrigiert gehören. Davon abgesehen hätte er mit Sicherheit für einen anständigen Klang gesorgt, wie auf jedem Maiden-Album zuvor seit "Killers".

Denn der Sound von "The X-Factor", welches nun unvorteilhafterweise unter alleiniger Regie von Steve entstand, ist ein weiteres Manko der Scheibe: Die "Produktion" ist wirklich unter aller Kanone und klingt wie durch die Klotür aufgenommen: Dünne Gitarren, überhaupt kein Druck und blechern tönende Drums. Das war damals für mich nicht Maiden-würdig und ist es heute immer noch nicht. So darf sich aus meiner Sicht maximal das Demo einer Schülerband anhören, aber nicht das offizielle Studioalbum einer anerkannten Band von Weltniveau.

Zuguterletzt versuchte die Band auch noch beim Artwork neue Wege zu gehen, nachdem Stammzeichner Derek Riggs aufgrund diverser Differenzen bereits seit einiger Zeit nichts mehr zu melden hatte. Man versuchte sich statt an einer comichaften Zeichnung diesmal an einer naturrealistischen Darstellung: Eine extra angefertigte Puppe von Eddie, fotografiert als Folteropfer auf dem elektrischen Stuhl in einer dunkel-unterkühlten, industriellen Umgebung. Das Resultat war aber Grande Merde und darf getrost als hässlichstes, abtörnendstes, witzlosestes und somit misslungenstes Maiden-Cover aller Zeiten seinen Platz in der Geschichte beanspruchen.

Zum Glück merkte auch die Band selber, dass das wohl ein Fehler gewesen war und kehrte schon mit dem nachfolgenden Album wieder zum gezeichneten Artwork zurück, auch wenn es leider nie wieder ein Derek Riggs war, der seinen unnachahmlichen Stil für die Band anbringen durfte.

Da kam also schon einiges an Merkwürdigkeiten zusammen, was einem als Fan mehr oder weniger sauer aufstoßen konnte. Und die Folgen ließen auch nicht lange auf sich warten, denn für einige Jahre wurden Maiden von ihrem Thron geholt und waren auch weit von der geradezu gottgleichen Verehrung heutiger Tage entfernt.

Fans wandten sich enttäuscht ab und die Briten mußte eine Weile mit deutlich bescheideneren Auftritten in kleineren Venues vorlieb nehmen und selbst diese waren oft nur zur Hälfte gefüllt. Es war für Harris & Co. nicht ganz einfach, den Kopf über Wasser zu halten. Zumal rundherum auch noch neue Musiktrends a´la "Kreuzüber" etablierten Bands wie Maiden zusätzlich das Leben schwer machten.

Was jetzt die Songs als solche betrifft, so gibt es Kompositionen, die eindeutig auf der Habenseite stehen und sogar zum besten gehören, was Maiden jemals gemacht haben.

Das bereits erwähnte, episch-komplexe "Sign Of The Cross" wäre gleich solch ein Fall: Ein 11minütiger Longtrack, der mit gregorianischen Chören beginnt und erstaunlicherweise direkt als erster Song das Album einleitet (ich hätte eine solche Nummer aus dramaturgischen Gründen eher an den Schluß gestellt oder in die Mitte, aber egal...). Ein starkes Maiden-Epos ganz in der Tradition von "Rime Of The Ancient Mariner", "Alexander The Great" und Konsorten !

"Man On The Edge" ist ebenfalls eine feine, flotte Nummer, die gut ins Ohr geht und tatsächlich als einziger Song auf "The X-Factor" unter der 5-Minuten-Marke bleibt. Auch ziemlich stark sind "The Aftermath" und das in den Strophen etwas sperrig strukturierte, originelle "The Unbeliever", welches mehrere Durchläufe braucht, bevor es zündet.

Neben ein paar Durchschnittsnümmerchen, die so uninteressant sind, dass man sie eigentlich sofort nach dem Hören wieder vergessen hat, folgen aber auch einige echte Stinker: Das banale, fast schon poppige "Lord Of The Flies" gehört beispielsweise zu dieser Kategorie, ebenso wie "Judgement Of Heaven" oder das nervige "Blood On The World´s Hands", wo Blazens defizitärer Gesang besonders ärgerlich auffällt.

Ein eindeutiger Fehler zeigt sich zudem das Versäumnis betreffend, den erstklassigen Song "Judgement Day" mit aufs Album zu nehmen. Der landete nämlich nur als B-Seite auf der "Man On The Edge"-Single, dabei hat er klares A-Seiten-Niveau. Ein schneller, harter Rocker der "Be Quick Or Be Dead"-Kategorie, der dem insgesamt etwas langatmigen, müden Flow des Albums wirklich gut getan und für Auflockerung gesorgt hätte. Gar als Opener gewählt (und "Sign Of The Cross" dafür eben weiter hinten platziert) wäre der erste Eindruck des Albums gleich besser gewesen und hätte andere Zeichen setzen können.

Insgesamt kann man "The X-Factor" also eigentlich als Album der verpaßten Chancen ansehen. Einige gute, vereinzelt sogar Maiden-gewohnt geradezu brilliante Songideen stehen neben einer zu großen Menge an Durchschnitts- bzw. Unterdurchschnittsware und einem - durch die lahme Produktion bedingten - schlaffen Gesamteindruck.

Die große Tragik die dann noch hinzukommt, ergibt sich durch die Fehlentscheidung, mit einem Sänger zu arbeiten, der nicht geeignet und stimmlich überfordert ist. Wobei die Band daran wie gesagt nicht unschuldig ist, da sie im Kompositionsprozess kaum Rücksicht auf Blaze nahm und ihr Songwriting wohl weiterhin mit der Stimme von Bruce im Hinterkopf betrieb.

Wie gesagt, "The X-Factor" ist bei mir im Laufe der Jahre gewachsen und ich halte sie heute subjektiv für ein gutes Stück besser als damals, schon alleine gerade deshalb, weil sie mit ihrer düsteren, verdichteten Atmosphäre so einzigartig und völlig anders als alle anderen Alben der Band rüberkommt.

Ich mag das Werk also durchaus inzwischen bis zu einem gewissen Grad, aber an den genannten Defiziten ändert das objektiv trotzdem nichts, weswegen es natürlich auch heute nicht zu den absoluten Bandhighlights zählen kann.

Das Album hat jedoch unbestritten seine interessanten, hörenswerten Momente und in einigen wenigen davon ist es sogar grandios ("Sign Of The Cross" !).

Vor 25 Jahren hätte ich "The X-Factor" auf einer entsprechenden Skala maximal 4,5-5 von 10 Punkten eingeräumt, heute liege ich immerhin bei 6,5-7 von 10.... ;)


Die Songs

1. Sign of the Cross – 11:18
2. Lord of the Flies – 5:03
3. Man on the Edge – 4:13
4. Fortunes of War – 7:24
5. Look for the Truth – 5:10
6. The Aftermath – 6:20
7. Judgement of Heaven – 5:12
8. Blood on the World’s Hands – 5:57
9. The Edge of Darkness – 6:39
10. 2 A. M. – 5:37
11. The Unbeliever – 8:10

Die Band

Blaze Bailey (Gesang)
Steve Harris (Bass)
Dave Murray (Gitarre)
Janick Gers (Gitarre)
Nicko McBrain (Schlagzeug)


Bild
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfüllt.



Rockmusik ist Teufelswerk ! :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

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Pavlos
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Re: [REVIEW] Iron Maiden - "The X-Factor" (1995)

Beitrag: # 90410Beitrag Pavlos
06.03.2021, 11:08

Hhhmm, schöner Text bzw. schön geschrieben, aber ich selbst muss mich da schon mit der Lupe suchen, denn ich finde mich da nur in ganz wenigen Punkten wieder. Let me explain: Ich besitze über 300 Tonträger der Band, höre und liebe sie schon seit 1986 und diese Liebe wird definitiv bis an mein Lebensende halten. Maiden waren immer da für mich - klingt kitschig, ist aber so, kann Euch mein Unterbewusstsein auch schrifltich geben. Ich sage das alles, weil ich damit versichern will, dass ich mich mit der Band auskenne und die folgende Aussage nicht einfach so rausgehauen wird: The X Factor steht in meinem Maiden Albumranking auf Platz Drei (7th Son auf der Eins, das Debüt auf der Zwei). Musikalisch ist da nicht alles genial, klaro, aber die Platte punktet mit einer dichten Atmosphäre und einer daraus resutierenden, ja fast schon unzerstörbaren Geschlossenheit, die mich einsaugt, durchkloppt und wieder ausspuckt. Ich werde Teil der dunklen Lebensphase Steves, die sich in Musik und Texten wiederspiegelt. Eine Angepisstheit, die tief blicken ließ. Der Navigator des größten Schlachtschiffes in der Gesichte des Heavy Metal hatte Probleme, das Ruder auf Kurs zu halten....und trotzdem gelang es ihm. Trotz Kritik, trotz des Abgangs Dickinsons, trotz seiner nervenaufreibenden Scheidung und dem Tod des geliebten Vaters, trotz der ständigen Beobachtung (und Häme) von Fans und Presse....Harris hat seinen Kurs durchgezogen. Das hat mich massiv beeindruckt...und tut dies immer noch. Jeder Rock/Metal Dino hat im Laufe seiner Karriere den "eigenen" Weg verlassen (AC/DC vielleicht nicht, ok), aber Maiden waren imm Maiden, waren immer Harris, waren immer authentisch. Auch wenn sie dadurch fast schon zu Underdogs wurden. Underdogs in einer Musiksparte für Underdogs mit einem nicht willkommenen Sänger. Mehr "us against the wall" geht eigentlich nicht. Das habe ich geliebt, das macht die Musik wertvoll(er) für mich. Ich hatte Maiden bis zur The X Factor musikalisch geliebt, mit The X Factor betraten sie mein Herz. Up the IRONS!!!

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Vertigo
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Re: [REVIEW] Iron Maiden - "The X-Factor" (1995)

Beitrag: # 90414Beitrag Vertigo
06.03.2021, 11:31

Gut geschrieben Matthias, da hast alle Aspekte aufgegriffen, die das Album so schwierig machen.

Blaze war eine völlig falsche Wahl für mich von Anfang an. Nicht weil seine Stimme nicht nach Bruce klingt, sondern weil sie mir nie besonders gefiel. Die klang immer ein wenig schwachbrüstig für mich, was aber sicher auch daran lag, dass das Material absolut nicht zu Blaze's Stimmlage passte. Hatte keiner bemerkt? Glaub ich nicht, Harris hat das so gewollt, weil das halt seine Linie ist. Soweit so gut, aber dann such ich mir eben jemanden wie den Michael Kiske, der hätte das vermutlich damals singen können.

Aber von Anfang an. Neue Maiden, super drauf gefreut. Dann die Anzeige fürs neue Album in nem Magazin gesehen und fast aufs Blatt gekotzt. Selten so ein ekliges, scheußliches Cover gesehen und dann noch von MEINEN Maiden....

Ich brachte es nicht über mich mir diese absolute Scheußlichkeit zu kaufen. Ich glaub ein Jahr später war das dann mal als ich sie im Second Hand Laden billig fand und vor allem als ich gesehen habe, dass es auf der Rückseite des Booklets nochmal eine Art Cover gibt, wo Eddie so klein drauf ist, dass man diesen Scheißdreck nicht so wahrnimmt.

Schon allein das hats mir schwer gemacht mich da reinzufinden und machts bis heute schwer. Ich mag die einfach schon gar nicht gern in die Hand nehmen. Das mir ein Cover mal nicht so gefällt, sowas ist schon okay. Aber wenn ich eines abstoßend, eklig, abscheulich finde hauts in der Regel nicht hin und wenns ne andere Band außer Maiden gewesen wäre, wäre es sehr schwierig geworden (BÖC's "Heaven Forbid" ist ähnlich, da steckt das hellblaue Bild vorne, sonst hätte ich die nicht gekauft).

"Sign Of The Cross" hat mich dann erstmal total positiv überrascht, ein "wow das könnte ein Superalbum werden" Gefühl ausgelöst. Leider waren sie so deppert damit den stärksten Song an Nr.1 zu setzen, ganz großer Fehler.

Das sehr gute "Judgement Day" von der B-Seite, welches ich erst in den 2010er Jahren kennengelernt habe, wäre ein guter Eröffnungssong gewesen.

Dann eben, wie gesagt, ich mag Blaze's Stimme nicht besonders. In so nem Werk wie "Sign Of The Cross" ist das schon okay, weil die Musik mich packt, aber bei allem was da durchschnittliches so auf dem Album ist geht das dann absolut nicht. Oder anders gesagt, Dickinson rettete mir so manchen Durchschnittssong weil ich ihn halt gern höre.

"Lord Of The Flies" gefiel mir aber immer, ein schön eingängiger und für ne Single gut gewählter Song, der mit Bruce allerdings richtig auffallen hätte können, der Hook darin ist nämlich gut. Blaze fehlt die Kraft das Stück dann zu erheben wenn der Refrain kommt.

Es hat bis vor vier Jahren dann gedauert, als ich mir eine "Best Of Bayley Zeit" gemacht habe, dass ich durch intensives Hören noch "Man On The Edge", "Judgement Of Heaven" und "Fortunes Of War" was abgewinnen konnte.

Die "X-Factor" wird wohl auf ewig das Album bleiben, das meine Maiden-Liebe um ein Haar gekillt hätte. Es hatte jedenfalls zur Folge, dass ich mich danach bis 2000 und der Rückkehr von Adrian und Bruce nicht mehr mit der Band beschäftigt hatte.

Widerliches Cover, schlechter Sound, sehr viele durchschnittliche Songs, das war ein bißchen viel für mich. Einen Sängerwechsel hätte ich verkraftet, aber nicht soviel Durchhängen auf einmal.

Das mag alles den Umständen geschuldet sein, aber deswegen muß es einem ja noch lang nicht gefallen. Und manchmal isses gut, wenn man ein Album, dass man unter solchen Umständen aufnimmt erst viele Jahre später veröffentlicht. Siehe z.B. Neil Young und sein "Homegrown" auf dem es fast nur ein Thema gibt, das Ende seiner Beziehung und dementsprechend frustriert klingt er da halt auch. Da wars schon gut, dass man das erst jetzt veröffentlicht hat, anstatt gleich 1974. War damals aber seine eigene kluge Entscheidung. Sowas hätte Steve Harris auch gutgetan. Das alles erstmal sacken lassen, sich bewusst werden was nun los ist und dann mit einem ganz starken Album zurückkommen so wie sie es dann mit der "Brave New World" geschafft hatten. Da war meine alte Liebe aber sowas von entflammt wieder, das war wieder Maiden wie ich es mochte und noch nen Tacken epischer, progressiver noch dazu.
A Lump deafst scho sei, nur ned a Depp

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