[REVIEW] Deep Purple - "Come taste the band" (1975)

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[REVIEW] Deep Purple - "Come taste the band" (1975)

#1

Beitrag: # 1354Beitrag AusDemWegIchBinArzt
01.06.2017, 18:31

DEEP PURPLE - "Come taste the band" (1975)

Meine Purple-Zeitrechnung hört nicht bei Mk.II auf und somit bin ich ein ausgesprochen großer Freund von Deep Purples Mittsiebziger-Phase (Mk.III/IV), als die Band musikalisch zu einem nicht geringen Teil von David Coverdale und Glenn Hughes dominiert wurde, was den Sound deutlich grooviger und funkiger werden ließ.

Nachdem man in der seit 1973 bestehenden Coverdale/Hughes-Konstellation bereits zwei starke Vorlagen geliefert hatte, nämlich das exzellente "Burn" (1974) und das etwas schwächere "Stormbringer" (ebenfalls 1974), änderte sich das Line-up nochmals, da Ritchie Blackmore ganz offensichtlich keinen Bock auf den größer werdenden musikalischen Einfluß der beiden Neuzugänge hatte und mit der neu justierten stilistischen Ausrichtung immer weniger klarkam. Nicht nur das: Er soll Funk regelrecht gehasst haben !

Außerdem hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits sein Nachfolgeprojekt Rainbow im Kopf, welches ihn so sehr in Beschlag nahm dass bis heute hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, Purples "Stormbringer"-Album sei alleine deshalb schwächer als "Burn" ausgefallen, weil Blackmore seine ganzen guten Ideen quasi exklusiv für Rainbow aufgehoben habe.

Ob das nun stimmt oder nicht, Fakt ist jedenfalls, dass Blackmore seine Stammband nach diversen Querelen letztlich verlieĂź und im FrĂĽhjahr 1975 sein neues Kind Rainbow aus der Taufe hob.

Nachdem Blackmore Deep Purple also den Rücken gekehrt hatte, holte man sich als Nachfolger den US-Amerikaner Tommy Bolin in die Band. Fraglos ein äußerst fähiger und versierter Mann, der sich seine Meriten zuvor u.a. bei Zephyr und der James´Gang verdient hatte. Leider nur laborierte Bolin an einem massiven Drogen- und Alkoholproblem herum, was zu diesem Zeitpunkt jedoch noch niemand wußte, da Bolin seine Sucht zumindest eine zeitlang ziemlich gut verbergen konnte.

Inwieweit sich der Drogenkonsum tatsächlich auf Bolins Persönlichkeitsentwicklung und sein Gitarrenspiel auswirkte, zeigte sich erst etwas später auf den gemeinsamen Tourneen, wo sich die Problematik nicht mehr so gut verheimlichen ließ und einen Mann zeigte, der oftmals alles andere als in guter Form war.

Zeitweise war Bolin on stage so fertig, dass er nicht mehr vernünftig spielen konnte, woraufhin Teile seiner Gitarrenparts von Jon Lord auf der Orgel übernommen werden mußten. Dieser desaströse Umstand wirkte sich auf die gesamte Band äußerst negativ aus, welche sich zu jenem Zeitpunkt sowieso in einem fragilen Zerfallsstadium befand. Und zwar u.a. deshalb, weil man sich schon genug mit den Eskapaden des anderen Drogenproblemkindes Glenn Hughes herumärgern mußte, der sich phasenweise überhaupt nicht mehr im Griff hatte. Daher war die Stimmung eh schon äußerst angespannt und gereizt.

Am Ende führte all das zur zwischenzeitlichen Auflösung von Deep Purple im März 1976. Tommy Bolin kostete die Drogensucht nur wenige Monate später sein Leben, während Glenn Hughes immer tiefer abrutschte und quasi die gesamten 80er Jahre über kaum zu gebrauchen war - er schaffte erst Anfang der 90er, praktisch im letzten Moment, den Entzug und ist seitdem clean.

Das einzige Album, welches die Band in der Besetzung mit Tommy Bolin aufnahm, war nun die 75er "Come taste the band"-Scheibe, welche für mich doch um einiges stärker als "Stormbringer" ist und im Prinzip wieder "Burn"-Niveau erreicht.

Gleichzeitig zählt "Come taste the band" aus meiner Sicht aber bei weitem auch zu den unterbewertetsten Deep Purple-Alben überhaupt. Die Platte klingt natürlich deutlich anders als beispielsweise die Werke mit Ian Gillan, ist sogar eine ganze Ecke ambitionierter und vielseitiger als "Burn" und dabei qualitativ keinen Deut schlechter.

Jon Lord sah später in der Rückschau "Come taste the band" zwar als exzellentes Album, aber kein typisches Deep Purple-Album an. Diese Sichtweise lasse ich einfach mal so im Raum stehen, jeder soll sich seine eigene Auffassung bilden. Für mich ist es ein echtes Deep Purple-Album, welches die auf "Burn" begonnene Linie konsequent fortführt, dabei hier und dort auch mal überraschende Ideen einbaut und in Sachen Songwriting das Qualitätslevel ganz weit nach oben schraubt. Wie auch schon auf "Burn" oder "Stormbringer" kann man auf "Come taste the band" ebenfalls einige Elemente entdecken, die etwas später im Sound der frühen Whitesnake Spuren hinterlassen haben.

"Come taste the band" bietet einen verschlungenen, schwülen Dschungel aus knallhartem Funk-Rock, wie die Stücke "Love child", "Gettin´tighter", "Lady luck" unter Beweis stellen. Ich empfehle mal zusätzlich, sich diese Lieder in Liveversionen anzuhören - beinhart, groovy, sexy, höllisch intensiv und das noch viel stärker als es die Studioversionen nur erahnen lassen.

Zu dem stark funkigen Element gesellen sich harter Rock´n´Roll ("Coming home"), eine dramatische, knackige funk-soulige Halbballade ("You keep on moving") oder gar überraschend progressives, wie das intelligent arrangierte "This time around / Owed to G".

Diese Vielseitigkeit sorgt dafür, dass dieses zu Unrecht oft etwas in Vergessenheit geratene Album zu keiner Sekunde langweilig und ein stetiger Spannungsbogen aufrecht erhalten wird. Musikalisch handelt es sich um ein ausgereiftes und besonders wertvolles Werk, welchem man die Schwierigkeiten die seinerzeit intern herrschten kaum anhört. Ein zweifellos ganz besonders starker Abgang mit betörenden Songs, den die 70er-Purple vor ihrer zwischenzeitlichen Auflösung hingelegt haben.

Ganz ehrlich handelt es sich um eines meiner liebsten DP-Alben, zusammen mit "In Rock", "Fireball" und "Burn". Eine Scheibe, die es sich in jeder Hinsicht zu entdecken lohnt und die aufgrund ihres Abwechslungsreichtums auch tatsächlich fast schon Außenseiter-Qualitäten im an Highlights nicht armen Schaffenskosmos von DP genießt. Ganz großes Kino, eine absolut feine Scheibe.

Die Songs

1. Comin' Home – 3:55
2. Lady Luck – 2:48
3. Gettin' Tighter – 3:37
4. Dealer – 3:50
6. I Need Love – 4:23
7. Drifter – 4:02
8. Love Child – 3:08
9. This Time Around / Owed to 'G' (Instrumental) – 6:10
10. You Keep on Moving – 5:19


Die Band

David Coverdale (Gesang)
Glenn Hughes (Bass, Gesang)
Tommy Bolin (Gitarre)
Jon Lord (Orgel)
Ian Paice (Schlagzeug)


Bild
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Re: [REVIEW] Deep Purple - "Come taste the band" (1975)

#2

Beitrag: # 1368Beitrag Vertigo
01.06.2017, 19:36

Da bin ich natĂĽrlich hundertprozentig deiner Meinung zum Album.

Über die internen Sachen kann ich noch beitragen was ich gelesen habe. Blackmore hatte wohl Rainbow als Band, anstatt Deep Purple noch nicht im Kopf zu "Stormbringer" Zeiten. Er hatte, wie du schon sagst, keinerlei Bock auf Funk, er hasst den (oder zumindest damals tat er das) und hat sich drum nicht sehr ins Songwriting eingebracht, weil ihm die beiden neuen bei den beiden alten einfach zuviel Gewicht bekamen. "Rainbow" war ja einfach als Soloalbum gedacht. Nur weil das überraschend großen Erfolg hatte, kam er auf den Trichter Purple hinzuwerfen und Rainbow als Band aufzuziehen, da er da ja eh nimmer zufrieden war und scheinbar beim Verhältnis 4:1 dann doch nicht kämpfen wollte.

Die Aufnahmen zur "Come Taste The Band" im Münchner Musicland Studio waren dann recht nervig, da wohl nicht weit vom Studio ein Hausdealer, der Hughes empfohlen wurde, in einer Bar residierte. Das bedeutete, dass Glenn alle naselang (welche Doppeldeutung hier :mrgreen: ) auf einmal weg war und danach bedröhnt wiederkam. Dazu mußten ständig Schokoriegel aller Art rangeschafft werden, weil er außer Koks und Schokoriegel nix zu sich nahm. Bolin hielt sich da wohl tatsächlich sehr zurück und es ist nicht klar wo und wie er sich da seine Drogen verschafft hat.

Anders dann bei der Asientour. In Manila hatten sie ja eh eine größere Katastrophe wie Polizeiwillkür und den mysteriösen nie geklärten Tod eines Mitglieds ihres Tourtross. Der fiel in einen Fahrstuhlschacht. Die Frage ist fiel er oder wurde er gestossen. Dazu hat dann ausgerechnet in Manila Tommy Bolin unstillbares Verlangen nach Heroin gehabt. Er ließ sich das an den anderen Purple vorbei besorgen. Nicht dass die gegen Drogen gewesen waren, aber auf Drogenbesitz stand die Todesstrafe auf den Philippinen und das fanden dann nichtmal die harten Rocker lustig. Jedenfalls weil Bolin unbedingt was wollte, aber nicht wie sonst gewohnt recht frei auf die Suche gehen konnte, bekam er schlechtes Zeugs. Was zur Folge hatte, dass er sich damit den rechten Arm abschoß. Der war völlig taub und hing nur noch herunter.
Schon das Manila-Konzert konnte er kaum noch spielen, aber da wars Purple wurscht, denn auf Fans während des Konzertes willkürlich einprügelnde Polizisten waren definitiv schrecklicher.

Der Arm wurde aber nicht besser sondern schlimmer und als Purple dann, nach einer Flucht zum Flughafen - die Behörden wollten sie wegen den Vorfällen beim Konzert im Hotel festhalten - gestresst auf dem Weg nach Japan waren, war der Arm völlig unbrauchbar. So kams, dass Lord große Teile bei den Japan-Aufnahmen übernahm, weil Bolin einfach nur dastand und kaum was machen konnte.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂĽtlich, wir sind auch ungemĂĽtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

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Re: [REVIEW] Deep Purple - "Come taste the band" (1975)

#3

Beitrag: # 1374Beitrag AusDemWegIchBinArzt
01.06.2017, 20:21

Ah, stimmt ja, das mit dem Dealer in der Nähe vom Musicland Studio und Schoko(ks)riegel-Glenn weiß ich auch und die Geschichte mit dem toten Crewmitglied im Fahrstuhlschacht ist mir auch bekannt, hatte ich aber irgendwie beides wieder verdrängt. Danke für die Gedankenauffrischung. ;-)

Dass Blackmore das Rainbow-Debüt indes ursprünglich als Soloalbum angedacht hatte, war mir so nicht geläufig bisher, ebensowenig dass ihm der Abschied von Purple aufgrund des Rainbow-Erfolges überhaupt erst schmackhaft wurde.

Mir war die Version bekannt, dass er schon parallel zu Purple am Aufbau von Rainbow als Band und am entsprechenden Songmaterial fĂĽrs DebĂĽt werkelte und sich schon eine ganze Weile mit Ausstiegsgedanken trug, weil er die Schnauze von Purples musikalischer Entwicklung und Coverdale / Hughes voll hatte (die er ja selber einst in die Band geholt hatte, wie paradox...).
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfüllt.



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