[REVIEW] Deep Purple - "Long Beach 1976" (2016)

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[REVIEW] Deep Purple - "Long Beach 1976" (2016)

#1

Beitrag: # 73339Beitrag AusDemWegIchBinArzt
02.10.2019, 02:39

Deep Purple - "Long Beach 1976" (2016)

Von Deep Purple erscheinen seit einigen Jahren mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit hörenswerte Livemitschnitte aus den 70er Jahren in - angesichts des Alters der Aufnahmen - teilweise geradezu atemberaubender KlangqualitĂ€t.

In dieser sogenannten "Official Deep Purple (Overseas) Live Series" gibt es so manches feine, mitreißende Konzert zu erleben und insbesondere gerade aus der von mir favorisierten Coverdale/Hughes-Ära wurden bereits einige schöne Perlen der Öffentlichkeit nachtrĂ€glich zugĂ€nglich gemacht, z.B. "Paris 1975" oder "Graz 1975".

Das Besondere an "Long Beach 1976" nun beruht auf der Tatsache, dass es sich hier zusÀtzlich um eines der wenige Dokumente handelt, welches die kurzlebige Mk.IV-Phase beleuchtet, als der Amerikaner Tommy Bolin den ausgestiegenen Ritchie Blackmore ersetzte.

Diese Ära der Band dauerte nur ein gutes Jahr, nĂ€mlich von FrĂŒhjahr 1975 bis Mai 1976, umfasste insgesamt 52 Auftritte mit Neuzugang Bolin und es gibt nicht allzuviele Zeugnisse des Livegeschehens aus diesem Zeitraum, der zudem auch nur ein - exzellentes ! - gemeinsames Studioalbum ("Come Taste The Band", 1975) beinhaltete, welches seinerzeit ĂŒberaus zwiespĂ€ltig von den Fans aufgenommen und erst viele Jahre spĂ€ter halbwegs, aber vollkommen zu recht, rehabilitiert wurde.

FĂŒr das geneigte Publikum war es grundsĂ€tzlich per se schon schwierig sich mit dem Neuzugang zu identifizieren, denn schließlich handelte es sich bei Bolin nicht nur um einen US-Amerikaner der dem britischen Hardrock-Schlachtschiff beigetreten war, sondern dieser stand durch seine Vergangenheit bei der James Gang, Zephyr oder Alphonse Mouzon und anderen auch noch im Ruf, eher fĂŒr Jazzrock-und Fusiongegniedel zu stehen, als fĂŒr satten Rock der hĂ€rteren Gangart.

Dass diese Vorverurteilung entschieden ungerecht und Bolin ein versierter und vielseitiger Könner war, der sehr wohl auch in einer Band wie Deep Purple musikalisch bestehen konnte und ein mehr als adĂ€quater Ersatz fĂŒr Ritchie Blackmore gewesen ist, dĂŒrfte spĂ€testens heutzutage kein Geheimnis mehr sein.

NatĂŒrlich setzte Bolin spielerisch eigene Akzente und unterschied sich vom Stil her deutlich von Blackmore, aber er schaffte es stets, seine eigenen Ideen ganz natĂŒrlich in den Sound von Deep Purple zu integrieren, ohne das Klangbild der Band zu verwĂ€ssern.

Seine persönliche Tragik war eher, dass er mit Drogen nicht umgehen konnte und zudem im koksenden und saufenden Glenn Hughes einen gleichgesinnten Bruder im Geiste vorfand, was schnell mehr als problematisch wurde und der bereits am Limit laufenden Band letztlich innerhalb eines guten Jahres endgĂŒltig das Genick brach sowie leider dazu fĂŒhrte, dass Bolin bei einigen Liveauftritten deutlich indisponiert und so weggetreten war, dass er seine Parts nicht beherrschte und sich von Jon Lord auf der Orgel aushelfen lassen mußte (wovon auf "Long Beach 1976" gottseidank nichts zu spĂŒren ist).

Dass Bolin das alles nicht ĂŒberlebte und bereits wenige Monate nach der Trennung der Band im Dezember 1976 verschied, im blĂŒhenden Alter von gerade mal 25 Jahren, dĂŒrfte ohnehin allseits bekannt sein.

"Long Beach 1976" nun beeindruckt neben seiner klanglichen Klarheit nicht nur durch die spielerische PrĂ€zision, mit der sich die Band durch ihren seinerzeitigen Kosmos aus bretthartem Rockdrive und drĂŒckenden, funkigen Grooves pflĂŒgt, sondern auch durch massive SchĂ€rfe und eine derart entfesselte musikalische Urgewalt, dass Death Metal dagegen wie alberner Kindergeburtstag mit Kuchen und Kakao wirkt.

Die teilweise mit gesteigertem Tempo gespielten Songs begeistern durch Spielfreude, VirtuositĂ€t und ein Ă€ußerst hohes Energielevel. Man spĂŒrt aber auch instinktiv, dass die Band zu dieser Zeit wirklich auf ihrem maximalen Zenit angekommen war - mehr ging einfach nicht mehr.

Tommy Bolin weiß an vielen Stellen sehr attraktive eigene Nuancen zu setzen, Ian Paice und Jon Lord spielen wie Götter und auch David Coverdale ist in jeder Hinsicht gut drauf. Dass Glenn Hughes, abgesehen von seinen instrumentalen FĂ€higkeiten, gerne mal etwas over the top singt und neben der Spur kreischt - geschenkt. Es gehört einfach zu den Purple-Konzerten aus den mittleren 70er Jahren dazu und ohne den kleinen, regelmĂ€ĂŸig bis zur Halskrause zugekoksten Aushilfs-Stevie Wonder wĂŒrde auch etwas fehlen. 8-)

Sehr schön ist zudem, dass die Band seinerzeit einige Songs des damals gerade aktuellen und wie erwĂ€hnt lange unterschĂ€tzten "Come Taste The Band"-Albums berĂŒcksichtigte, die hier somit zu Live-Ehren kommen, was definitiv Seltenheitswert besitzt. Darunter befinden sich u.a. das wunderschöne, progressiv angehauchte "This Time Around"/ Owed To G", das fette Funk Rock-Monster "Love Child" oder die in die LĂ€nge gezogene Überversion von "GettinÂŽTighter", welche sich ebenfalls durch einen dampfenden Dschungel aus funkigen Grooves schlĂ€ngelt. Hach, ich liebe diese harte funkige Scheiße einfach ! :biggrinn:

Sensationelle, treibende High Energy-Versionen von "Burn", "Stormbringer" oder damals schon als Klassikern geltenden Songs der Ian Gillan-Ära - wie etwa eine umwerfende, geradezu brachiale Darbietung von "Highway Star", das ausgedehnte "Lazy" oder das unverzichtbare "Smoke On The Water" (welches in "Georgia On My Mind" ĂŒbergeht) - runden das Gesamtbild wirkungsvoll ab.

DarĂŒberhinaus kann Tommy Bolin auch elegant eigenes Material einbringen (z.B. "Homeward Strut" von seinem 75er Soloalbum "Teaser"), ohne dass es wie ein Fremdkörper wirkt. Die solistischen Einlagen der einzelnen Musiker glĂ€nzen ĂŒberhaupt ganz generell durch Facettenreichtum und KreatitvitĂ€t.

Der Long Beach-Auftritt beweist einmal mehr zur GĂ€nze, dass Deep Purple Mk.IV etwas ganz besonders waren und noch viel mehr daraus hĂ€tte werden können, etwas ganz Großes möglicherweise sogar, wenn zwischenmenschliche Zwistigkeiten und der außer Rand und Band befindliche Drogenkonsum der Herren Hughes und Bolin dem Ganzen nicht ein vorzeitiges Ende gesetzt hĂ€tten.

WĂ€hrend der eine Problemfall, wie schon gesagt, nicht mal ein Jahr spĂ€ter daran starb (Bolin), brauchte der andere (Hughes) nach einem in desaströsem Zustand verbrachten Folgejahrzehnt noch bis Anfang der 90er, um endgĂŒltig auszunĂŒchtern und sein Leben in den Griff zu kriegen, aber das sei nur nebenbei erwĂ€hnt.

Bei "Long Beach 1976" handelt es sich somit um eine erstklassige, ĂŒberaus empfehlenswerte und gut klingende Liveaufnahme, die klar und deutlich darlegt, warum Deep Purple zu den grĂ¶ĂŸten wie auch besten Hardrockbands auf Erden gehören und es bis heute weit und breit keine nachfolgende Band gibt, die den Herren das Wasser reichen kann. Einer der besten und atmosphĂ€risch geschlossensten Auftritte der Band ĂŒberhaupt !

ErgÀnzt wird der Mitschnitt noch durch drei Bonustracks, die wenige Wochen vor dem Long Beach-Auftritt in Springfield aufgezeichnet wurden.


Die Songs

1.Intro - 2:00
2.Burn - 7:36
3.Lady Luck - 3:06
4.Gettin Tighter - 14:08
5.Love Child - 5:50
6.Smoke On The Water / Georgia On My Mind - 8:58
7.Lazy - 16:41
8.Homeward Strut - 5:55
9.This Time Around - 4:25
10.Owed To G - 2:53
11.Guitar Solo Tommy Bolin - 10:32
12.Stormbringer - 11:36
13.Highway Star - 7:18

Bonus (Live in Springfield 1976):

14.Smoke On The Water / Georgia On My Mind - 9:40
15.Going Down - 7:43
16.Highway Star - 6:25


Die Band

David Coverale (Gesang)
Glenn Hughes (Bass)
Tommy Bolin (Gitarre)
Jon Lord (Orgel, Synthesizer)
Ian Paice (Schlagzeug)


Bild
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



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Vertigo
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#2

Beitrag: # 73347Beitrag Vertigo
02.10.2019, 08:11

Ja die Bolin-Ära. Soviel Potential das sich nicht entfalten konnte. Ich trĂ€ume von einer gesunden Band, in welcher die Mitglieder ihre nun deutlich unterschiedlichen EinflĂŒsse zusammenwerfen könnten: Lord und Paice stehen auf Bigband-Jazz, Hughes auf Soul, Coverdale auf Blues und Bolin bringt Fusion-Jazz mit. Wow! Das alles zusammenfließen lassen, da wĂ€r, wie ich gestern zu den Beatles schrieb, noch ein Monsteralbum dringewesen.

Aber gesund waren sie halt damals allesamt nicht mehr. Hughes hat sich fast, Bolin hat sich weggeschossen. Lord war am Limit, Paice und Coverdale genervt.

Aber das was sie in der kurzen Zeit hinterlassen hatten ist erstaunlich. Wenn man sich eben mal die Liveaufnahmen anhört, an welchen Bolin gesund genug war um spielen zu können entdeckt man ganz neue, andere Deep Purple. Brachialer denn je zuvor, mit einem Funk- und Soul-Furor grundierter Hardrock der ĂŒberkandidelten Klasse. Die 70er waren ja die Zeit fĂŒr Bands die BIG dachten und sein wollten und Purple stießen in der Zeit dazu. Da war alles "over the top" und genau das macht den Reiz dieser Formation aus, denn das alles basierte ja auf solidem Können.

"Long Beach 76" ist ein Klasse-Einstieg um die Funkrock-Phase der Band kennenzulernen, die Tokyo-Aufnahme dann eher nicht. Ich mag sie zwar trotzdem, aber an dem Abend konnte Bolin seinen rechten Arm kaum bewegen, weil sein Roadie ihn mit wohl unreinem Heroin versorgte, welches er irgendwo in Tokyo auftrieb und das eine LĂ€hmung im rechten Arm bewirkte. Drum mußte Lord da vielmals eingreifen und die Löcher die enstanden, weil Bolin nicht konnte, ausfĂŒllen.
"Wir Bayern sind eben nicht nur gemĂŒtlich, wir sind auch ungemĂŒtlich. Wir sind nicht nur lustig, wir sind auch grantig." (Walter Sedlmayr)

Die Liste der Besonderen (wird fortgesetzt):

- David Lynch
- Christian Vander
- Tom Waits
- Henryk M. Broder

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Re: [REVIEW] Deep Purple - "Long Beach 1976"

#3

Beitrag: # 73352Beitrag AusDemWegIchBinArzt
02.10.2019, 08:29

Vertigo hat geschrieben: ↑
02.10.2019, 08:11
Ja die Bolin-Ära. Soviel Potential das sich nicht entfalten konnte. Ich trĂ€ume von einer gesunden Band, in welcher die Mitglieder ihre nun deutlich unterschiedlichen EinflĂŒsse zusammenwerfen könnten: Lord und Paice stehen auf Bigband-Jazz, Hughes auf Soul, Coverdale auf Blues und Bolin bringt Fusion-Jazz mit. Wow! Das alles zusammenfließen lassen, da wĂ€r, wie ich gestern zu den Beatles schrieb, noch ein Monsteralbum dringewesen.

Aber gesund waren sie halt damals allesamt nicht mehr. Hughes hat sich fast, Bolin hat sich weggeschossen. Lord war am Limit, Paice und Coverdale genervt.

Aber das was sie in der kurzen Zeit hinterlassen hatten ist erstaunlich. Wenn man sich eben mal die Liveaufnahmen anhört, an welchen Bolin gesund genug war um spielen zu können entdeckt man ganz neue, andere Deep Purple. Brachialer denn je zuvor, mit einem Funk- und Soul-Furor grundierter Hardrock der ĂŒberkandidelten Klasse. Die 70er waren ja die Zeit fĂŒr Bands die BIG dachten und sein wollten und Purple stießen in der Zeit dazu. Da war alles "over the top" und genau das macht den Reiz dieser Formation aus, denn das alles basierte ja auf solidem Können.

"Long Beach 76" ist ein Klasse-Einstieg um die Funkrock-Phase der Band kennenzulernen, die Tokyo-Aufnahme dann eher nicht. Ich mag sie zwar trotzdem, aber an dem Abend konnte Bolin seinen rechten Arm kaum bewegen, weil sein Roadie ihn mit wohl unreinem Heroin versorgte, welches er irgendwo in Tokyo auftrieb und das eine LĂ€hmung im rechten Arm bewirkte. Drum mußte Lord da vielmals eingreifen und die Löcher die enstanden, weil Bolin nicht konnte ausfĂŒllen.
Oh Mann, wie geil das gewesen wĂ€re, wenn die Band seinerzeit besser beisammen gewesen wĂ€re (mental und gesundheitlich), das mag ich mir kaum ausmalen. Da denke ich oft drĂŒber nach, weil ich der Meinung bin, dass die Band in dieser Besetzung unter anderen UmstĂ€nden zu möglicherweise noch viel grĂ¶ĂŸerem berufen gewesen wĂ€re und ihr Potenzial noch ganz anders hĂ€tte ausschöpfen können ! Mindestens ein, wenn nicht sogar zwei brilliante Alben hĂ€tten theoretisch noch locker drin sein können.

Schon "Come Taste The Band" ist ja trotz aller Schwierigkeiten eine absolute Granate geworden. Eines der besten Purple-Alben aller Zeiten, obwohl viele ja meinen, es wĂŒrde nicht nach Deep Purple klingen. Aber erstens sollte man so nicht denken und zweitens sehe ich das eh anders, denn das Album stellt fĂŒr mich eher eine natĂŒrliche Weiterentwicklung und ErgĂ€nzung der bisherigen musikalichen Ausrichtung dar, die bereits zu "Burn" ihren Anfang genommen hatte (ĂŒbrigens hatten Purple auch zu Gillan-Zeiten schon gelegentlich funkige Rhythmen zu bieten, bspw. bei "Maybe IÂŽm A Leo"....).

Wer weiß, ob es ĂŒberhaupt jemals eine Mk.II-Reunion gegeben hĂ€tte, wenn die Band in der Mk.IV-Besetzung - unter besseren Voraussetzungen - einfach weitergemacht hĂ€tte.

Gerade die unterschiedlichen musikalischen EinflĂŒsse waren doch eigentlich ein wahrer Schmelztigel fĂŒr kreative HöhenflĂŒge der Sonderklasse. Auch die Ideen, die spĂ€ter bei PAL landeten, wĂ€ren vermutlich in den Purple-Sound integriert worden, genauso wie Coverdales Faible fĂŒr bluesigen Hardrock, das er dann im Nachhinein bei Whitesnake auslebte. Und dazu Bolin mit seinen Fusionelementen - zu was fĂŒr einer grandiosen Mischung hĂ€tte das noch ausgebaut werden können !

Die Geschichte mit Bolins Arm in Tokio kenne ich ĂŒbrigens - aber es spricht auch fĂŒr Jon Lord, wie gekonnt er die Soundlöcher ausfĂŒllt, ohne das man es auf Anhieb merkt. Und ich mag die "Tokyo"-Scheibe im Übrigen auch sehr, wie Du weißt. Die ist fĂŒr mich ganz klar vorne dabei unter sĂ€mtlichen Purple-Livealben, rein aus emotionalen GrĂŒnden schon alleine (war mal mein erstes Purple-Livealbum, lange bevor ich "Made in Japan" oder dergleichen besaß). Aber objektiv ist "Long Beach 1976" natĂŒrlich klar besser.
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfĂŒllt.



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