[REVIEW] Deep Purple - "Burn" (1974)

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AusDemWegIchBinArzt
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[REVIEW] Deep Purple - "Burn" (1974)

#1

Beitrag: # 18537Beitrag AusDemWegIchBinArzt
03.01.2018, 09:37

Deep Purple - "Burn" (1974)


FĂĽr mich ist "Burn" zusammen mit "In Rock" (1970) gleichberechtigter Meilenstein dieser wunderbaren Band. Ich wĂĽrde mich nicht fĂĽr eines von beiden entscheiden wollen mĂĽssen, sondern beide mit auf die sagenumwobene einsame Insel nehmen. Beides sind absolute Lieblingsalben von mir, die sicherlich wichtige Bausteine zum sogenannten Soundtrack of my life darstellen.

Ich habe demzufolge auch nie zu den Leuten gehört, deren Deep Purple-Glaubensbekenntnis mit Mk.II, der wohl populärsten Besetzung, aufhört. Jede Purple-Inkarnation besaß ihre Momente, es gab umwerfend starke als auch schwächere Phasen, aber eigentlich niemals völligen Bockmist.

Wobei ich freilich der Meinung bin, dass der Verlust von Jon Lord die Band unterm Strich später viel schwerer getroffen hat, als etwa irgendwelche Sänger- oder Gitarristenwechsel in den Jahren zuvor. Jon Lord war für mich immer Herz, Kopf, Seele und Hauptidentifikationsfigur der Band gleichermaßen.

Aber zurück zu "Burn", welches in einer der stärksten Schaffensperioden der Band entstanden ist, der Ära David Coverdale / Glenn Hughes nämlich

Ich finde es absolut bedauerlich, dass Purple all die überragenden Stücke aus jener Zeit nicht mehr live spielen und sei es nur aus Ego-Gründen der Herren Gillan und Glover, die in der Entstehungszeit dieser Songs nicht zur Band gehörten. Andere Bands gehen mit dem Erbe ihrer Vergangenheit und ihrer verschiedenen Besetzungen souveräner um.

Auf "Burn" brachten die bereits erwähnten, seinerzeit als Ersatz für Gillan / Glover gekommenen David Coverdale und Glenn Hughes neue Einflüsse mit, die einer echten Frischzellenkur gleichkamen: Tiefschwarze Funk-Grooves und Soul-Elemente hielten ihren Einzug in den Hardrock der Band und erzeugten eine höchst intensiv verdichtete Mixtur, die nicht nur auf den drei Studioalben dieser Ära ("Burn"; "Strombringer"; "Come Taste The Band") sondern insbesondere auch bei den damaligen Livekonzerten ein wahres, vor Energie geradezu berstendes Feuerwerk zündete.

Vom kompositorischen Standpunkt aus betrachtet war "Burn", die erste Scheibe dieser von 1973-76 währenden Liaison, auch die rundeste und beste. Ganz dicht gefolgt von der letzten, "Come Taste The Band" (inzwischen war Richie Blackmore ausgestiegen und durch Tommy Bolin ersetzt worden), die nahezu vergleichbar gut ist. "Stormbringer", das mittlere Album der kurzlebigen Coverdale/Hughes-Ära, war auch nicht schlecht, fiel aber insgesamt leicht hinter die beiden anderen zurück.

Manches von den Elementen die Deep Purple ab "Burn" in ihren Sound integrierten, konnte man später auf den ersten Whitesnake-Platten wiederfinden, weswegen ich ja immer wieder gerne anmerke, dass Leute die mit "Burn" und Co. was anfangen können, grundsätzlich auch die frühen Whitesnake mögen sollten - und umgekehrt natürlich.

Die Platte startet mit dem flotten, in jeder Hinsicht furiosen Titeltrack, der allerdings noch ziemlich traditionellen, somit also Funk-freien Deep Purple-Hardrock präferiert und eher Ritchie Blackmores sowie Jon Lords Einflüsse aus der klassischen Musik transportiert. Trotzdem gleich mal einer der stärksten
Songs der gesamten Bandgeschichte. Ein brillianter Einstieg mit virtuosen Orgel- und Gitarrenpassagen!

Das sieht bei den nachfolgenden "Might Just Take Your Life" und "Lay Down, Stay Down" bereits ganz anders aus, die selbstredend ebenfalls saustark sind und das Niveau problemlos halten können. Hier jedoch ist der Einfluß von David Coverdale und Glenn Hughes schon deutlich massiver wahrnehmbar - insbesondere das erste Stück hätte einige Jahre später ohne Bedenken auch auf einem der frühen Whitesnake-Alben Platz finden können. Bei beiden Songs handelt es sich um gut abgehangenen, entspannt und dennoch spannungsreich präsentierten Hardrock mit ausgeprägter Funk-und vor allem Soul-Schlagseite.

Das schleppendere "Sail Away" ist dann purer Sex: Harter Funk-Rock in Reinkultur und eines meiner Lieblingsstücke, welches auf mich in seiner ganzen Machart und Darbietung immer wie der Soundtrack zu einem typischen 70er-Jahre Abenteuerfilm wirkt. Extrem starke Gesangsleistung von Coverdale und Hughes im Wechsel und gewohnt aussagekräftige Instrumentalparts von Blackmore und vor allem auch wieder Lord, welcher nicht nur seine Orgel- sondern auch erstmals verspielte Synthesizerklänge passgenau positioniert. Eines der besten und vielleicht auch unterschätztesten Stücke der Bandgeschichte.

Das lässige "You Fool No One" paßt sich wieder dem souligen, bluesigen Feeling von "Might Just Take Your Life" an - ein weiteres Stück, welches randvoll mit Groove, Vitalität und Ideen gefüllt wurde.

"What´s Going On Here" geht in der allgemeinen Wahrnehmung gerne mal etwas unter, aber wäre es nicht vorhanden, würde dem Album sofort ein wesentliches Mosaiksteinchen fehlen. Auch hier wieder viele Funk- und Souleinflüsse, die in einem Shuffle-artigen Rhythmuskontext umgesetzt werden, dazu ein hämmerndes Honky Tonk-Piano. Zunächst vielleicht tatsächlich etwas unauffällig, bereitet das Stück doch am Ende sehr viel gute Laune und zieht einem die Mundwinkel nach oben.

Zu "Mistreated" muß ich dann nicht mehr viel sagen - einer DER Deep Purple-Momente schlechthin, wirklich ganz großes Kino. Eine dramatische, hoch emotionale Ballade mit bluesiger Grundierung und definitiv eine der größten Hymnen in der Historie der Rockmusik. Testosteron-Monster Coverdale auf dem Höhepunkt seines vokalen Könnens. Nicht ohne Grund haben sowohl Whitesnake als auch Rainbow dieses großartige Epos später übergreifend immer wieder selber mit Inbrunst bei ihren Konzerten gespielt und es fast zu eigenen Klassikern werden lassen.

Das abschließende, treibende "A 200" ist dann ein reines Instrumental. In erster Linie eine durchaus packend umgesetzte Synthesizer-Spielerei von Jon Lord, die einen futuristischen Touch aufweist und dennoch gut auf das Album paßt. Auch Blackmore brilliert hier einmal mehr mit seinem solistischen Gitarrenspiel. Möchte ich ebenfalls nicht missen. Auch bei diesem Stück wieder dieses unterschwellige Abenteuerfilm-Feeling, ähnlich wie bei "Sail Away".

Fazit: "Burn" ist ein faszinierendes, lebendiges Album voller Einfallsreichtum und Energie und zeigt Deep Purple von einer ihrer stärksten Seiten überhaupt und wer diese Tatsachen bewußt ignoriert, nur weil nicht Mk.II draufsteht oder irgendwelche kruden Vorstellungen nicht erfüllt werden, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer sich hingegen davon frei macht und einfach nur seine Ohren öffnet, dessen Erwartungen sollten noch mühelos übertroffen werden können. Eines der musikalisch wertvollsten Alben aller Zeiten aus dem großen und weiten Purple-Universum.

Als Sahnehäubchen muß man dazu noch das ikonische Artwork werten, welches mit seiner düsteren Symbolkraft den weiteren Werdegang dieser begnadeten Purple-Ära bereits vorwegnimmt: Auf der Vorderseite sind die Kerzen in Form der Bandmitglieder noch voller Feuer und hell erleuchtet, auf dem Backcover dagegen schon zu traurig glimmenden Häufchen zusammengeschmolzen.


Die Songs

1. Burn – 6:05
2. Might Just Take Your Life – 4:36
3. Lay Down, Stay Down – 4:15
4. Sail Away – 5:48
5. You Fool No One – 4:47
6. What's Goin' on Here – 4:55
7. Mistreated – 7:25
8. A' 200 – 3:51


Die Band


David Coverdale (Gesang)
Glenn Hughes (Bass, Gesang)
Ritchie Blackmore (Gitarre)
Jon Lord (Orgel, Synthesizer)
Ian Paice (Schlagzeug)


Bild
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfüllt.



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