[REVIEW] Whitesnake - "Come An´Get It" (1981)

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[REVIEW] Whitesnake - "Come An´Get It" (1981)

#1

Beitrag: # 20254Beitrag AusDemWegIchBinArzt
21.01.2018, 22:34

Whitesnake - "Come An´Get It" (1981)


Dass Whitesnake in den ersten Jahren ihrer Karriere musikalisch viel besser, beseelter und glaubwürdiger unterwegs waren als in der hochglanzgestylten, betonfrisierten und insgesamt ziemlich affigen MTV-Plastikära der späten 80er, weiß eigentlich jeder ernsthafte Hardrockfan, zumindest insgeheim.

Inbesondere läßt sich die künstlerische Hochphase im Schaffen von Whitesnake zeitlich an der Mitgliedschaft ihrer beiden Grundpfeiler Micky Moody und Bernie Marsden festmachen. Die beiden gehörten zu den besten Gitarrenduos überhaupt und prägten mit ihrem Spiel den Sound der frühen Whitesnake nachhaltig; genaugenommen waren diese beiden Männer die musikalische Seele der Band, noch vor ihrem offiziellen Vorturner David Coverdale.

Nachdem Marsden 1983 ausgestiegen war, blieb Moody noch ein Album länger ("Slide It In", 1984) in der Band und kollaborierte dort zunächst noch mit Mel Galley, der aber krankheitsbedingt frühzeitig wieder ausschied und dann durch John Sykes (vormals Tygers Of Pan Tang und Thin Lizzy) ersetzt wurde.

Hier ist dann auch der Cut in der musikalischen Entwicklung von Whitesnake zu sehen, denn "Slide It In" war das letzte noch ernstzunehmende Album der Band, auch wenn es gegenüber den Vorgängerscheiben stellenweise bereits leicht abfiel und schon eine Nuance glatter klang. Dennoch war hier noch zum Großteil der alte, bluesbasierte Whitesnake-Hardrock zu hören.

Danach wanderten Jeans und T-Shirt in den Schrank und wurden durch volumengeföhnte Pudeldauerwelle, Lederdress und peinlich affektiertes Gepose ersetzt, um auf der MTV-initiierten, hochkommerziellen Ami-Hair Metal-Welle mitzuschwimmen. Und so wurde aus Whitesnake über Nacht eine völlig neue, musikalisch unglaubwürdige Band.

Aus einer gut geölten, bluesig-erdigen englischen Hardrockband wurde ein groteskes Kasperletheater mit überwiegend schwächlichen, banalen, aber pompös aufgeblasenen Melodic Metal-Liedchen und Coverdale als Meister der überlebensgroßen Selbstinszenierung. Damit hatte er seine wahre Bestimmung gefunden.

Aber diese Entwicklung war zu bodenständigen "Come An´Get It"-Zeiten glücklicherweise noch nicht abzusehen, welches gemeinsam mit dem noch einen winzigen Hauch stärkeren Vorgänger "Ready An´Willing" (1980) zu meinen absoluten Favoriten aus dem Hause Whitesnake zählt.

Besonderes Gewicht erlangte die seinerzeitige musikalische Qualität der Band aber nicht nur durch das Gitarrengespann Moody/Marsden, sondern durch den nicht zu unterschätzenden Umstand, dass in dieser Phase auch die ehemaligen Deep Purple-Kollegen Ian Paice und Jon Lord zur Band gehörten, was quasi die Extrakirsche auf der Sahne bedeutete.

"Come An´Get It" läßt nichts anbrennen und feuert gleich vom ersten Song an, gleichzeitig der Titeltrack, aus allen Rohren. Diesen unvergleichlich lässigen und dennoch knochentrockenen, präzisen Groove kann wirklich nur ein Ian Paice hinterm Schlagzeug aus dem Ärmel schütteln. Wo nur findet man heute noch diese Art klassischen, akzentuierten Hardrock-Drummings ? Wo ? :?

Man hört der Band ihren Spaß und ihre Spielfreude wirklich an, nicht nur bei diesem einen Lied, sondern durchgehend auf dem gesamten Album.

Der flotte Hardrock-Shuffle "Hot Stuff" läßt garantiert niemanden stillsitzen und verwöhnt außerdem mit satten Orgelklängen, die immer punktgenau und wohldosiert, aber nie übertrieben eingesetzt werden, dadurch aber umso effektiver in ihrer Wirkung sind.

Das stampfende, melodiöse und super eingängige "Don´t Break My Heart Again" schlägt eine Brücke zwischen bluesigem Hardrock und einer guten Prise AOR, ist also prinzipiell eine Spur kommerzieller angelegt, gehört aber dennoch zu den absoluten Sternstunden auf diesem Album und überhaupt in der gesamten Karriere von Whitesnake !

"Wine, Women And Song" ist eine rasante Boogie Rock-Abfahrt mit hämmerndem Piano und göttlichen solistischen Einlagen der Herren Moody und Marsden, wie sie besser nicht sein könnten. Hier tropft der Schweiß aus allen Poren und man möchte mindestens 180 Km/h dazu fahren... ;)

Weitere Höhepunkte dieses an Highlights und Abwechslung eh nicht armen Geniestreichs sind das etwas entspanntere, gut abgehangene "Child Of Babylon", der knallhart groovende, treibende und dezent funkig angehauchte Kracher "Hit An´Run" , in dessen Mittelteil Bernie Marsden gekonnt mit einer Talkbox herumspielt sowie das abschließende, sanft und melancholisch beginnende, sich dann aber in einen typischen Whitesnake-Rocker verwandelnde "Till The Day I Die".

Wer die wahre künstlerische Essenz dieser Band erfassen will, kommt an den frühen Alben keinesfalls vorbei und an "Come An´Get It" schon gar nicht. Das waren definitiv die stärksten und angriffslustigsten Jahre der weißen Schlange, absolute Weltklasse. Besser als Ende der 70er, Anfang der 80er war die Band nie wieder ! Das haben heute aber viele Leute vergessen, leider sogar Coverdale selber... :roll:


Die Songs

1. Come an´get it
2. Hot Stuff
3. Don´t break my heart again
4. Lonely days, lonely nights
5. Wine, women an´song
6. Child of Babylon
7. Would I lie to you
8. Girl
9. Hit an´run
10. Till the day I die


Die Band

David Coverdale (Gesang)
Neil Murray (Bass)
Micky Moody (Gitarre)
Bernie Marsden (Gitarre)
Jon Lord (Keyboards, Orgel)
Ian Paice (Schlagzeug)


Bild
Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfüllt.



I think I spider - that pulls me the shoes out !!!

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