Die New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM)

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AusDemWegIchBinArzt
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Die New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM)

Beitrag: # 152Beitrag AusDemWegIchBinArzt
19.05.2017, 14:55

EINE KLEINE ABHANDLUNG ZUR NEW WAVE OF BRITISH HEAVY METAL

Ich möchte mich in diesem Beitrag mit einer der aus meiner Sicht wichtigsten Entwicklungen in der europäischen Rockmusik der letzten 40 Jahre beschäftigen. Der geographische Rahmen der handelnden Protagonisten findet sich bereits in der Genrebezeichnung versteckt wieder (New Wave Of BRITISH Heavy Metal) und beschränkt sich somit auf Großbritannien, einschließlich der Kanalinseln und Irland.

Wenn es um das Thema Hardrock / Heavy Metal geht, besitze ich seit jeher eine besondere Affinität zur sogenannten NWOBHM, wie sie auch abgekürzt genannt wird.

Sie ist, neben dem Hardrock und dem Progressive Rock der Siebziger Jahre, die bekanntlich auch zu nicht gerade geringen Anteilen im vereinigten Königreich entscheidend mitkreiert wurden (Genesis, King Crimson, Van Der Graaf Generator, Deep Purple, Black Sabbath etc.) , eine der stilprägendsten Wurzeln des heutigen Heavy Metals und seiner Subgenres.

Die dabei für den einen oder anderen sicherlich entstehende Frage dürfte sein, warum ich mich ausgerechnet für diesen, nur wenige Jahre andauernden, dafür aber für das weitere Gedeihen des Heavy Metals - bis hin zu den heutigen Subformen - immens wichtigen Randbereich jener Musikrichtung so begeistere.

Und ich gebe offen zu, dass diese Frage für mich auch nicht wirklich einfach zu beantworten ist. Die schlichteste Erklärung wäre sicherlich, dass mich englische Bands grundsätzlich in den meisten Fällen weitaus mehr begeistert und in ihren Bann gezogen haben als etwa amerikanische, auch abseits der NWOBHM.

Englische Bands klingen einfach völlig anders. Eben englisch, wie auch immer man das nun genau definieren möchte. Sei es im Riffing, in der Melodieführung oder sonstwo - die Herkunft englischer Gruppen ist in der Regel klar zu erhören. Sicherlich auch geprägt durch das raue Klima, sowie Industrie und Bergbau....da ist es nur logisch, dass Bands aus einer solchen Umgebung anders klingen als kalifornische Sunnyboys, die mit dem Surfbrett unterm Arm aufgewachsen sind.

Angefangen hat diese Faszination mit den "populären", d.h. irgendwann zu gewissem Bekanntheitsgrad und Ruhm gelangten Bands jener Ära, also Iron Maiden, Saxon, den frühen Def Leppard und so weiter.

Nachdem ich wissenshungriger, noch reichlich junger Schüler anfing mich für diese Bands zu begeistern, wurde mir in logischer Konsequenz alsbald auch der Begriff "NWOBHM" geläufig und ich bekam relativ schnell mit, dass damit nicht nur diese drei Bands gemeint waren, sondern eine komplette Musikszene, die noch Myriaden von anderen Bands hervorbrachte und sich im rauen Klima des von Krisen, Streiks und Arbeitslosigkeit geprägten Thatcher-England der späten 70er Jahre begonnen hatte, zu entwickeln.

Wohlgemerkt war es zu diesem lange zurückliegenden Zeitpunkt alles andere als einfach, um an Informationen zu gelangen, denn schnell abrufbare Medien wie Internet gab es nicht und an ein breitgefächertes Sortiment mit speziellen Musikzeitschriften für den Rock- und Metalbereich, so wie es heute verfügbar ist, war auch nicht zu denken. Schon gar nicht auf dem Land.

Immerhin gab es, wie ich seinerzeit nach einer Weile eher zufällig herausfand, damals schon den "Metal Hammer" (und etwas später dann auch, zunächst noch unregelmäßig, das "Rock Hard"). Begehrte Informationsquellen, für die folglich immer häufiger auch das Taschengeld geopfert wurde. Alles weitere besorgte man sich dann mühsam über Umwege, wie ältere (Rock und Metal hörende) Brüder oder Cousins von Klassenkameraden.

Diese frühen Erfahrungen meinerseits von denen die Rede ist, jenes für die weitere musikalische Sozialisation so magische "erste Mal", spielten sich primär im Zeitraum zwischen 1985 und 1990 ab. Prägende Jahre, in denen ich voller Enthusiasmus und Begeisterung alle Eindrücke und Informationen wie ein Schwamm in mich aufsog und speicherte. Eine Zeit, in der sich mein musikalischer Geschmack ausformte. Die seinerzeit entdeckte Liebe zu dieser Musik hat in mir etwas zum Schwingen gebracht und mich seitdem auch nie wieder verlassen. :D

Jahre, in denen ich nebst meinen ersten musikalischen Erleuchtungen aus dem Hardrock- und Heavy Metal-Bereich parallel noch viel Zeit mit Carrerabahnen und dem Bau von Legohäusern verbrachte bzw. pickelige Pubertätskämpfe mit mir ausfechten mußte...

Es war auf jeden Fall eine trotz aller Beschaulichkeit schöne, aufregende, prickelnde Zeit die ich in der heutigen Schnellebigkeit oft vermisse. Musik hatte eine viel bedeutsamere und - aufgrund schwerer zu bekommender Informationen - auch mysteriösere Dimension. Ganz anders als heute, wo Musik durch die hektische Generation i-pod immer häufiger zum unwichtigen, austauschbaren Wegwerfprodukt degradiert wird, welches man nebenbei "konsumiert".

Was für ein mangelndes Wertebewußtsein, welchem natürlich auch durch die heutige Veröffentlichungsflut Rechnung getragen wird - ein Großteil des Mists, der heute jeden Tag quer durch alle Genres auf den Markt gekotzt wird, hätte früher niemals die Chance auf einen Plattenvertrag bekommen! Aber ich schweife ab.

Zurück zum eigentlichen Thema: Da mir die genannten drei Bands (Iron Maiden, Saxon, Def Leppard) sehr gefielen, begann ich nunmehr also mit höchst interessierten und durchaus langwierigen Recherchen, um mich tiefergehend damit zu beschäftigen und auch all die anderen, teils bis heute ziemlich unbekannten Bands jener Ära zu entdecken.

Etliche von ihnen haben es aus diversen Gründen noch nicht einmal zu LP-Ehren geschafft, sondern lediglich eine (oder mehrere) 7"-bzw.12"-Veröffentlichung(en) zustande gebracht, die heute natürlich entsprechend rar, teuer und unter Kennern begehrt sind.

Die eine oder andere Band brachte sogar nur einen Beitrag zu einem der seinerzeit in Szenekreisen populären NWOBHM-Sampler ("Metal for Muthas", "Roxxcalibur", "New electric warriors", "Heavy Metal heroes" und wie sie alle heißen) auf den Weg und blieb ansonsten ohne weitere reguläre Veröffentlichung !

Diese meinerseitige Entdeckungsreise nun, die praktisch über meine gesamten Jugendjahre vonstatten ging hat sich, soviel sei an dieser Stelle gesagt, mehr als gelohnt und diverse Raritäten und musikalische Kleinode zu Tage gefördert, die mich mit der Zeit sogar teilweise mehr beeindruckt haben, als die genannten "großen Drei". Selbst heute stolpere ich ab und an immer nochmal über bislang unbekanntes / ungehörtes aus diesem Bereich ! Ein wahres Füllhorn tut sich dort auf.

Nebenbei muß allerdings auch zur Vorbeugung von Mißverständnissen konstatiert werden, dass der Terminus "NWOBHM" eine ähnlich unzureichende Schubladenbezeichnung darstellt wie etwa "Krautrock", weil lauter unterschiedliche, musikalisch teils stark voneinander differierende Bands darunter versammelt sind.

So oder so ist die NWOBHM aber für mich die spannendste Bewegung im Heavy Metal überhaupt.

Zum Einen, weil die Bands durch ihre Do-it-yourself-Attitüde mit einer unglaublichen Unbekümmertheit und Spielfreude sowie kraftvoller, roher Energie, in Kombination mit großartiger Melodiosität, eine Art unabhängiger Underground-Szene fern der etablierten Labels und Bands schufen. Überhaupt bieten die Bands der NWOBHM-Periode für mich die perfekte Mischung aus Härte und Melodie.

Als musikalische Basis wurde dabei zumeist der Hard-/Heavyrock und Progressive Rock aus den Siebzigern genommen, der auf ein neues Härte- und Energielevel gehoben wurde.

Gerade Leute wie Steve Harris (Iron Maiden) oder Peter "Biff" Byford (Saxon) betonen auch stets immer wieder aufs neue, dass neben dem üblichen 70er Hardrock insbesondere auch Prog-Bands wie Focus, Genesis, Yes oder King Crimson frühe Inspirationsquellen ihrer Bands waren.

Mit ihren selbst organisierten Konzerten, selbst gepressten Singles im Klein- bis Kleinstvertrieb und teilweise aus eigener Kraft auf den Weg gebrachten Mini-Labels stellte die NWOBHM einen zunächst autonomen Gegenpol zum großen Musikgeschäft und einen echten Underground-Prototyp dar. In all dem bestanden also definitiv Analogien zur Punkszene, auch wenn der eine oder andere Metal-Musiker (z.B. Iron Maiden-Boss Steve Harris) das nicht so gerne zugibt.

Zum Anderen halte ich die oft überraschende stilistische Bandbreite der Bands für sehr imposant, die ja umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass all diese großartige, vielfältige Musik in einem Zeitraum von grob fünf bis sechs Jahren und einem geographisch relativ beschränkten Raum entstanden ist.

Insofern komme ich auch noch mal auf den Punkt zurück, der die Schublade NWOBHM betrifft, die unter diesem Aspekt natürlich ungenau, verallgemeinernd und somit einfach unzureichend ist. Alles, was unter dem Begriff NWOBHM versammelt ist, besitzt eine ungeheure Vielseitigkeit:

Da gibt es die eher grobmotorische Brachialfraktion wie Venom, Warfare, Crucifixion oder auch Tank, daneben absolute Filigrantechniker wie etwa Bleak House, Ethel The Frog - die u.a. eine der besten Coverversionen des Beatles-Songs "Eleanor Rigby" aller Zeiten ablieferten -, Shiva, Chasar oder Trespass bis hin zu eher gemäßigten, AOR-näheren Bands der Marke Force oder Praying Mantis, die sich ab Mitte der 80er vorübergehend in Stratus umbenannten und - Kommerzialität hin oder her - alles andere als schlecht oder gar verweichlicht klangen, sondern teilweise eher wie eine extrem melodische Variante von Iron Maiden rüberkamen.

Dazwischen tummelten sich Led Zep-/Black Sab-Epigonen wie Diamond Head und unzählige andere (zuviele, um sie an dieser Stelle alle aufzuzählen), z.B.:

Witchfynde (vor allem anfangs noch sehr 70ies lastig - da auch schon 1975 gegründet - und kauzig, mit düster-okkulter Schlagseite)

Angel Witch (sehr Black Sabbath-beeinflußt und heavy)

Tygers Of Pan Tang (zu Anfang sehr rau, später melodiöser und hymnischer)

Samson (eher durch bluesigen Hardrock geprägt)

Bitches Sin (Gemischtwarenladen, der von bluesrockigem Material a´la "April fool" bis hin zu schnellen Krachern der Sorte "Hanneka" alles mögliche bereithielt und später in den 80er Jahren eher Richtung Speed-/Power Metal tendierte. Und damit meine ich "richtigen" Power Metal und nicht die Kinderlieder, die man bei heutigen Bands unter diesem Begriff versteht).

White Spirit (im Prinzip ein sehr tradtionell ausgerichteter Bastard aus Purple/Heep, sogar mit Hammond-Orgel. Hier spielte der spätere Gillan- und heutige Iron Maiden-Gitarrist Janick Gers),

Holocaust (anfangs sehr von Black Sabbath beeinflußt, insgesamt sehr düster und eine der heaviesten Bands jener Epoche)

Girlschool (quasi weibliche Antagonisten zu Motörhead, vor allem in der Anfangszeit herrlich rotzig, später phasenweise kommerzieller und Glam-orientierter, gestylter)

Rock Goddess (ebenfalls rein weiblich; im Prinzip ähnlich Girlschool - mit denen sie auch Mitglieder austauschten -, nur weniger bekannt)

Girl (die erste Band des späteren Def Leppard-Gitarristen Phil Collen; musikalisch (und optisch) sehr durch klassischen Hardrock und Glam Rock geprägt).

Quartz (entwickelten sich von einem "normalen", eher durchschnittlichen 70ies Hardrock-Act hin zu einer deutlich von Black Sabbath beeinflußten Truppe; wurden u.a. auch von Tony Iommi produziert).

Sweet Savage (wie die stilistisch ähnlich gelagerten Blitzkrieg oder Satan ein früher Vorläufer des späteren Speed Metal)

Tokyo Blade (am Schnittpunkt zwischen "normalem" Heavy Metal und Power-/ Speed Metal, später zeitweise
deutlich kommerzieller)

Black Rose (rauer, energischer, wahrhaft prototypischer NWOBHM-Sound - mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen)

Vardis (wie jüngere, aufsässige Brüder von Status Quo - harter Boogie Rock im NWOBHM-Style).

Starfighters (die englische / schottische Variante des AC/DC-Sounds, was auch kein Wunder ist, da mit Stevie Young ein Cousin der AC/DC-Youngs die Gitarre bediente)

Hellanbach (tönten 1:1 nach den frühen Van Halen, als englische Brüder im Geiste sozusagen)

Und und und....die schier unglaubliche Anzahl an Bands und deren kaum zu fassende stilistische Vielfalt sind wirklich immens beeindruckend und faszinierend.

Obgleich all diese Bands letztlich ähnliche Einflüsse miteinander kombinierten - nämlich bspw. von UFO, Thin Lizzy, Deep Purple, Led Zeppelin, Status Quo, Golden Earring, Ted Nugent, Uriah Heep, Black Sabbath, aber auch von Genesis, Yes, Focus, Nektar, Rush oder Jethro Tull - welche sie mit der frischen, konzisen Energie und Knackigkeit des Punk vermischten und meist einer zusätzlichen Härteinjektion unterzogen, kulminierte das ganze in einer völligen Eigendynamik und Originalität seitens der Bands.

Praktisch jede Band klang eigenständig und hatte ihre eigenen Erkennungsmerkmale, die sie trotz gelegentlicher stilistischer Ähnlichkeiten klar voneinander abgrenzten.

Das sorgte dafür, dass all diese Kapellen als Ideenlieferanten für viele später bekannt gewordene Metal-Bands fungierten, die sich häufig auch heute noch auf die alten NWOBHM-Schergen berufen und das interessanterweise auch und gerade auf der anderen Seite des großen Teiches (beste Beispiele wären etwa Anthrax, Metallica, Exodus, Megadeth, Savatage oder Manilla Road...letztere ebenfalls bereits seit den späten 70ern aktiv und anfangs eher als psychedelische Hardrock-Band unterwegs).

Obwohl keine "richtigen" oder "typischen" NWOBHM-Bands (da bereits deutlich früher entstanden bzw. musikalisch anders verwurzelt), zählen Gruppen wie Motörhead, Whitesnake, Judas Priest, Budgie oder Gillan dennoch im weiteren Radius ebenfalls dazu, da sie entweder ihre Hochzeit im Rahmen der NWOBHM erlebten oder sich teilweise von dieser beeinflußt zeigten bzw. dann ihrerseits wieder auf die weitere Entwicklung Einfluß ausübten.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch Tredegar, die von den ehemaligen Budgie-Originalmitgliedern Tony Bourge und Ray Phillips zur NWOBHM-Hochzeit Anfang der 80er Jahre gegründet wurden und im Wesentlichen den klassischen, zeitlosen Budgie-Sound beibehielten. Die Combo schaffte es sogar, 1986 eine (wenig beachtete) LP herauszubringen.

Anders herum kann man auch sagen, dass das Powertrio Budgie soundmäßig bereits in den frühen 70ern die NWOBHM vorwegnahm - das wird vor allem deutlich, wenn man beide Bands direkt nacheinander anhört. Bei Tredegar schwang übrigens vorübergehend auch der spätere Cloven Hoof-Sänger Russ North das Mikro.

Die Hauptphase der NWOBHM fand etwa zwischen 1979 und 1984 statt, wobei es noch eine zweite Generation an Bands gab (z.B. Elixir, Chateaux, Chariot, Cloven Hoof, Tytan oder Tyson Dog), die um 1984-87 herum ihr Glück versuchten und teilweise ihren Sound noch etwas scharfkantiger formten, aber letztlich von der bereits anrollenden Speed-/Thrash Metal-Welle und dem US-Hair Metal geschluckt wurden.

Die NWOBHM ist und bleibt aus meiner Sicht eine der letzten eigenständigen, innovativen und bis zum heutigen Zeitpunkt nachhallenden Bewegungen in der Geschichte der Rockmusik, auf der so gut wie alle weiteren Entwicklungen aufbauen konnten (Speed-; Power-; Thrash-; Death-; Black-; und auch Progressive Metal etc.)

Ich hoffe, es ist mir mit diesen Worten ein wenig konkreter gelungen zu vermitteln, warum es mir gerade die NWOBHM so angetan hat. :-)



BILDER

Diamond Head
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Witchfynde
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Angel Witch
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Bitches Sin
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White Spirit

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Oxym
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Millenium
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Rock Goddess

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Saxon
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Weapon
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Demon Pact

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