[REVIEW] Gentle Giant - "Free Hand" (1975)

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[REVIEW] Gentle Giant - "Free Hand" (1975)

#1

Beitrag: # 480Beitrag AusDemWegIchBinArzt
23.05.2017, 07:43

GENTLE GIANT - "Free Hand" (1975)


Die Band um die Shulman-Brüder gehört für mich definitiv zum allergrößten, was in über 50 Jahren Rockgeschichte auf die hörende Menschheit losgelassen wurde. Und ihre Platten schaffen es bis heute zuverlässig, meine Kinnlade runterklappen zu lassen. Die Musik der Shulmans ist niemals eindimensional, wird zu keiner Sekunde langweilig und überrascht einen selbst nach Jahrzehnten immer wieder aufs Neue, selbst wenn man meint, alles schon auswendig zu kennen.

Eine der vielseitigsten, versiertesten, zeitlosesten und gleichzeitig unprätentiösesten Truppen, die der progressive Rock jemals an die Oberfläche gespült hat. Musik, an der man sich einfach nicht satthören kann.

Interessanterweise hat diese Band es auch stets geschafft zu beweisen, dass man hochkomplexe Arrangements, Ideenreichtum, Abstraktion und Virtuosität in kompakte, zugängliche Songs gießen kann, die selten über sechs, sieben - grundsätzlich hoch spannende - Minuten dauern (eher weniger) und dennoch mit Bravour an allen Ecken und Ende die Etikette des Progressive Rocks erfüllen, obwohl es eben keine endlosen Longtracks oder selbstbeweihräuchernden solistischen Sperenzchen gibt.

Auf "Free Hand" kulminieren alle wesentlichen Zutaten der vorherigen Alben und man kann hier sagen, dass die Gruppe auf ihrem ultimativen Zenit angekommen war. Vielleicht ist im Vergleich zum Vorgänger "The power and the glory" (1974) keine direkte Weiterentwicklung oder Steigerung mehr erkennbar, wie sie sonst praktisch von Album zu Album stattfand.

"Free Hand" ist vielmehr eher eine Bündelung aller zuvor angesammelten Stärken zu einem großen, umfassenden Ganzen. Kompositorisch und Arrangementtechnisch auf gewohnt hohem Niveau umgesetzt, dabei aus meiner Sicht etwas in sich geschlossener als etwa auf "The power and the glory" oder "In a glass house" (1973), die selbstredend ohne jeden Zweifel hinreißend großartige Alben sind.

Ich persönlich finde, dass "Free Hand" dazu noch einen etwas prominenter hervorstechenden Rock-Drive besitzt, wie er auch auf den energiereichen Live-Konzerten der Band generell im Vergleich zu manchen Studioalben deutlicher hervortrat. Außerdem besitzt das Album einen sehr guten, ausgewogenen Klang, was nicht bei allen Scheiben der Band so klar erkennbar der Fall gewesen ist.

"Free Hand" ist auf alle Fälle das letzte ganz große Gentle Giant-Album. Danach, mit dem hastig aufgenommenen und kompositorisch nicht ganz so ausgereiften, teilweise etwas einfacher arrangierten bzw. instrumental einfacher besetzten "Inter´view" (1976) begann der allmähliche Anfang vom Ende, auch wenn jenes Album noch einmal weitgehend dem typischen GG-Style frönte, bevor es ab "The Missing Piece" (1977) zunehmend und mit dem unsäglichen "Giant For A Day" (1978) endgültig bergab ging in die Niederungen des Pop-/Rock-Mainstreams.

Doch selbst auf "The missing piece" gab es noch vereinzelte gelungene Songs, die von der einstigen Klasse dieser fantastischen Band kĂĽndeten, bevor man sich auf dem komplett miĂźratenen "Giant for a day" (1978) endgĂĽltig selbst demontierte.

Doch zurück zu "Free Hand". Hier werden auch noch einmal die von mir so geliebten und den Sound dieser Gruppe stets so einzigartig, unverwechselbar machenden Elemente aus der Mittelalter-/Renaissance-Musik aufgefahren (wie etwa in voller Gänze beim großartigen "Talybont" oder teilweise bei "On Reflection"). Ebenfalls faszinierend sind das in seiner Komplexität völlig umwerfende, durch Orgel- und Vibraphonparts getragene "His las voyage", der jazzig angehauchte, hektisch pulsierende Titeltrack und kraftvolle, spielfreudige Progger wie "Time to kill" oder "Mobile".

Auf "Free Hand" zeigt die Band noch einmal ihr gesamtes Können und die gesamte Bandbreite ihres musikalischen Spektrums, welches man in einer solchen Form von keiner anderen Formation geboten bekommt. Vielleicht muß man auch schlicht so ehrlich sein, sagen zu können, dass nach "Free Hand" einfach nichts besseres mehr kommen konnte. Das war nicht mehr zu toppen, da konnten die Jungs nichts mehr draufsetzen.


Die Songs

1. Just The Same - 5:33
2. On Reflection - 5:42
3. Free Hand - 6:14
4. Time To Kill - 5:08
5. His Last Voyage - 6:26
6. Talybont - 2:43
7. Mobile - 5:03


Die Band


Derek Shulman (Gesang, Saxophon)
Ray Shulman (Bass, Violine, Gesang)
Gary Green (Gitarre, Gesang)
Kerry Minnear (Keyboards, Piano, Orgel, Glockenspiel, Marimba, Clavinet, Cello, Gesang)
John Weathers (Schlagzeug, Perkussion)


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Wenn Musik Bilder erzeugen und den Hörer mit auf eine Reise nehmen kann, hat sie eine ihrer edelsten Aufgaben erfüllt.

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