[REVIEW] Jethro Tull - "Broadsword and the beast" (1982)

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[REVIEW] Jethro Tull - "Broadsword and the beast" (1982)

#1

Beitrag: # 498Beitrag AusDemWegIchBinArzt
23.05.2017, 15:15

JETHRO TULL - "Broadsword and the beast" (1982)

Nachdem Bandkommandant Ian Anderson die gesamte Band (außer Martin Barre) umbesetzt und mit dem ursprünglich als Soloalbum angedachten "A" (1980) zu Anfang des neuen Jahrzehnts eine kleinere musikalische Neujustierung vorgenommen hatte, welche zu den altgedienten Tull-Trademarks einige "moderne" Elemente (Synthesizer u.ä.) hinzufügte, war das Ergebnis zunächst doch etwas zwiespältig ob dieser Veränderungen.

Richtig flüssig harmonierten die neuen und die alten Komponenten noch nicht miteinander. Auf "A" hatte es neben einigen ganz guten Songs auch viel mittelprächtiges bis leicht unterdurchschnittliches Material zu hören gegeben - es "flutschte" einfach nicht hundertprozentig und Anderson selbst wußte wohl auch noch nicht so ganz, was er wollte bzw. wie er seine neuen Ideen sinnvoll umsetzen sollte und wie mit der neuen Technik im Kontrast zu den klassischen Tull-Merkmalen adäquat umzugehen war.

Der Motor lief infolgedessen zu diesem Zeitpunkt also hörbar nicht auf allen Zylindern rund und außerdem mußten die neuen Bandmitglieder ebenso erst einmal integriert werden, was naturgemäß immer etwas Zeit kostet.

Das hatte sich dann zwei Jahre später drastisch und vor allem vorteilhaft geändert, wie das folgende Album "Broadsword and the beast" unmißverständlich bewies: Anderson hatte dazugelernt und die neuen technischen Errungenschaften im Sinne des Tull-Sounds nutzbar gemacht. Zudem hatte sich das Line-Up ein weiteres Mal verändert, denn der Keyboarder Peter-John Vettese und der Drummer Gerry Conway hatten zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zentrale Positionen neu besetzt.

Die Schwächen von "A" waren fast komplett ausgemerzt worden und hatten zu einem Album geführt, welches ich ganz ungerührt als das mal eben beste von Jethro Tull in den gesamten 80er Jahren bezeichnen würde.

Man kann es beim Hören von "Broadsword and the beast" schier nicht glauben, dass nur weitere zwei Jahre später mit "Under Wraps" eine völlige Katastrophe ins Haus stand, welche nach dem gut gelungenen "Broadsword..." den Eindruck hinterließ, Anderson habe alles gelernte wieder vergessen und sei einer Gehirnamputation unterzogen worden.

Wir haben also im Abstand von vier Jahren drei völlig unterschiedliche Alben: Zuerst ein mittelmäßiges bis passables ("A"), zuletzt ein beschissenes ("Under Wraps") - und dazwischen ein ganz und gar hervorragendes, nämlich "Broadsword and the beast", welches deutlich herausragt.

"Broadsword and the beast".....ein Album, bei dem es auf meisterliche Weise geschafft wurde, die neuzeitlichen synthetischen Klänge, die hier wohl dosiert und meist gut erträglich zum Einsatz kommen - nicht billig, aufdringlich oder gar quietschig - elegant mit dem klassischen, durch folkige Melodien und akustische Sounds geprägten Jethro Tull-Klangkosmos zu fusionieren.

Härtere Gitarren in typischer Martin Barre-Gangart erklingen natürlich auch und setzen die passenden Akzente. Man könnte also eigentlich von einem klassischen Tull-Album für die 80er Jahre sprechen.

Dass das Songwriting als solches zum Großteil gelungen ist und die Kompositionen stimmig sind, rundet das Gesamtbild äußerst vorteilhaft ab.

Die gesamte A-Seite ist mit dem stampfenden Opener "Beastie" sowie "The Clasp", "Fallen on hard times", und "Flying colours" ohne Einschränkung großartig gelungen. Lediglich der letzte Song "Slow marching band" hat ein paar Abstriche verdient, ist aber nichtsdestotrotz immer noch knapp im grünen Bereich. Das ist aber nur meine subjektive Meinung.

Seite B eröffnet mit dem monumentalen "Broadsword" fulminant und recht dramatisch, "Pussy willow" folgt auf gleich hohem Qualitätslevel und bietet ruhige, pianobegleitete Strophen, die zu einem energischeren, rockigen Refrain führen. Ein weiteres Album-Highlight.

Das hektische "Watching me, watching you" klingt dafür dann ziemlich deutlich wie ein Überbleibel aus den "A"-Aufnahmesessions und hätte dort zu den durchschnittlichen Stücken gehört. Nichts großes, aber auch nicht komplett mies.

"Seal driver" ist eine schöne, leicht düstere und halbballadeske Nummer, die ähnlich dramatisch angelegt ist wie "Broadsword" und knackige Gitarren enthält.

"Cheerio" ist dann nur noch ein kurzes, knapp ĂĽber einminĂĽtiges Outro und verzichtbar.

Bleibt unterm Strich aber ein zum GroĂźteil starkes Album, welches man sich zulegen sollte und mit dem man wirklich nichts verkehrt machen kann, auch als (aufgeschlossener) Fan der klassichen 70er-Tull-Werke nicht.

Die typische (zugegeben nicht umwerfende und etwas unterkühlt klingende) 80er Jahre-Produktion muß man natürlich geflissentlich überhören, aber angesichts der musikalischen Klasse des Albums sollte das doch eher leicht fallen. Es gibt schlimmeres.


Die Songs:

1. Beastie (3:58)
2. Clasp (4:18)
3. Fallen On Hard Times (3:13)
4. Flying Colours (4:39)
5. Slow Marching Band (3:40)
6. Broadsword (5:03)
7. Pussy Willow (3:55)
8. Watching Me, Watching You (3:41)
9. Seal Driver (5:10)
10. Cheerio (1:09)

Die Band:


Ian Anderson – (Gesang, Querflöte, Gitarre)
Martin Barre – (Gitarre)
Peter-John Vettese – (Piano, Synthesizer)
Dave Pegg – (Bass, Mandoline)
Gerry Conway – (Schlagzeug, Perkussion)

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Re: [REVIEW] Jethro Tull - "Broadsword and the beast" (1982)

#2

Beitrag: # 17283Beitrag nixe
23.12.2017, 08:14

Stop! Das ist ein Album aus den bösen 80-ern, aber was ist jetzt los? Es gefällt mir auch & das in der neuen Besetzung! Obwohl man der alten noch nachtrauert, bis heute übrigens!
OK, es sind andere Tulls, anderer TullSound, aber es kommt gut! & das zählt!
Musik hat die Fähigkeit uns geistig, körperlich & emotional zu beeinflussen!

!!!I like Prog!!!

!!!Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten!!!

TschĂĽĂź
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Re: [REVIEW] Jethro Tull - "Broadsword and the beast" (1982)

#3

Beitrag: # 17289Beitrag AusDemWegIchBinArzt
23.12.2017, 08:51

nixe hat geschrieben: ↑
23.12.2017, 08:14
Stop! Das ist ein Album aus den bösen 80-ern, aber was ist jetzt los? Es gefällt mir auch & das in der neuen Besetzung! Obwohl man der alten noch nachtrauert, bis heute übrigens!
OK, es sind andere Tulls, anderer TullSound, aber es kommt gut! & das zählt!
Eine gute, sehr gelungene Verbindung klassischer Tull-Elemente und neuerer Sounds, die eine harmonische Symbiose miteinander eingehen. Auch vom Songwriting her stark. Insofern nach meinem Empfinden klar und mit Abstand die beste Tull aus den gesamten 80ern. Ich sag doch immer, dass längst nicht alles schlecht war, was in den 80ern erschienen ist und viele Leute zu Unrecht dieses Jahrzehnt fast mutwillig kaputtreden. 8-)
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